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Australiens Sorgenkind: die Infrastruktur
Am fast azurblauen Konjunkturhimmel der australischen
Wirtschaft hat sich über die Jahre hinweg nur eine dunkle
Wolke gebildet, die nicht verschwinden will. Sie trägt
den Namen Infrastruktur. Um diese ist es seit Jahrzehnten in
Australien sehr schlecht bestellt. Sie umfasst die Bereiche
Transport, Energie, Gesundheit und Kommunikation. Fast täglich
sind darüber in den Medien Skandalmeldungen zu finden.
Problemkind 1: die Häfen
Seit Anfang April 2007 stauen sich vor den
ostaustralischen Kohleverladehäfen wieder ganze Flotten
von Schiffen aus asiatischen Ländern und warten auf eine
Beladung mit dem schwarzen Energieträger. Das Problem ist
schon seit 2004 bekannt. Aber die lokalen oder privaten Hafenbetriebe
haben kaum investiert, um Kapazitätsengpässe bei der
Verladung zu beseitigen.
Steinkohle ist für Australien der größte
Devisenbringer. Wegen der Verladekrise müssen Minenbetriebe
ihre Produktion einstellen und sogar Personal entlassen. Manche
Schiffe müssen Wartezeiten bis zu 27 Tagen bei täglichen
Liegekosten von 400.000 $A hinnehmen. Die Kostenübernahme
erfolgt durch die Häfen. Volkswirtschaftliche Verluste
sind absehbar. Aus Kreisen der wirtschaftsliberalen Bundesregierung
in Canberra kommt der Ruf nach einer Verstaatlichung der australischen
Seehäfen.
Problemkind 2: das Eisenbahnnetz
Sehr schlimm ist es auch um den nationalen Schienentransport
bestellt. So müssen zum Beispiel Güterzüge, die
den Hafen von Melbourne – Australiens größter
Hafen für Kapital- und Konsumgüter – anlaufen
wollen, sich auf Schienenwegen mit nur zwei Spurweiten (Standard-
und Breitspur) bewegen. Verkehrsminister Mark Vaile bezeichnet
das Schienentransportsystem seines Landes als absolut drittklassig.
Güterzüge benötigen für die
rund 1700 Kilometer lange Strecke zwischen Melbourne und Brisbane
etwa 36 Stunden. Lastwagen schaffen die gleiche Distanz in 27
Stunden. Die Etablierung von Hochgeschwindigkeitszügen
wurde Anfang der 90 Jahre ad acta gelegt. Zwischen der Bundeshauptstadt
Canberra und der Wirtschaftsmetropole Sydney verkehrt nur ein
Bummelzug, der für 275 Kilometer genau vier Stunden benötigt.
Bahnreisende zwischen den Städten Sydney und Wollongong
– Entfernung etwa 100 Kilometer - berichten, dass es in
den Zügen keine Toiletten gibt. Für ältere Menschen
ist dies peinlich. Die Bahnverwaltung von New South Wales (NSW)
will dabei erst in 18 Monaten Abhilfe schaffen.
Problemkind 3: die Autobahnen
Für viele Australier ist es völlig unverständlich,
dass es im 21. Jahrhundert zwischen den Millonenstädten
Melbourne, Sydney und Brisbane noch immer keine durchgehende
vierspurige Straßenverbindung gibt. Die 680 Kilometer
lange Strecke von Newcastle bis zur Grenze von Queensland ist
geradezu "mörderisch". Zwischen 2003 und Ende
2006 gab es auf dieser Straße 130 Verkehrstote und etwa
1.800 Verletzte. Die NSW-Regierung versprach vor elf Jahren
den Bau einer durchgehenden Autobahnverbindung. So gut wie nichts
ist geschehen.
Eine giftige Mischung von inkompetenten Bürokraten,
Umweltaktivisten und engstirnigen Lokalpolitikern haben jeden
Fortschritt verhindert. So mussten z.B. auf einem geplanten
Straßenabschnitt jahrelang die Wanderwege von Koalas studiert
werden, bevor der Bau einer Umgehungsstraße starten konnte.
Jeder Australier liebt dieses schnuckelige Tierchen. Müssen
dafür jedoch Verkehrstote in Kauf genommen werden? Manche
Verantwortliche müssen sich fragen lassen, ob bei ihnen
noch der moralische Kompass stimmt.
Problemkind 4: das Internet
Auch im Internet ist Rückständigkeit angesagt.
Die durchschnittliche Download-Geschwindigkeit für DSL-Breitband
liegt in Australien bei knapp 1 Megabit pro Sekunde. Singapur
und Südkorea offerieren inzwischen 100 Megabits pro Sekunde.
Die Ineffizienz dabei ist für die australische Geschäftswelt
nur schwer tragbar.
Ist Abhilfe in Sicht?
Rund 22 Milliarden $A will die Bundesregierung
in Canberra in den kommenden vier Jahren für den Ausbau
der Straßen- und Schienenwege zur Verfügung stellen.
Eigentlich kein Problem, denn die Kassen sind prall gefüllt.
Dank der enormen Haushaltsüberschüsse sieht sich Finanzminister
Peter Costello in der Lage, im kommenden Finanzjahr 2007/08
(1.7. bis 30.6.) die Portemonnaies der Bürger erneut mit
hohen Steuergeschenken zu füllen. Die Wirtschaft wächst
seit 16 Jahren. Bei mäßigen Preissteigerungsraten
nehmen Investitionen und Konsum weiter zu. Doch Verkehrsminister
Mark Vaile rechnet mit enormen bürokratischen Hürden
und dem Ausgleich von Interessensgegensätzen zwischen der
Privatwirtschaft und öffentlichen Stellen, bevor die Mittel
wirklich zum Einsatz kommen.
Der Autor Franz Reichwein ist Leiter des
Büros der Bundesagentur für Außenwirtschaft
(bfai) in Sydney und berichtet exklusiv für die InfobahnAustralia
über wirtschaftliche Tendenzen in Australien.
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Photo Credit: Tourism Australia |