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Wo bitte gehts zum nächsten Känguru?

von Tanja Schwarze

Hamburg I Sydney I Woche eins I Unser Auto I Heiße Hölle I Campen(1) I Campen(2) I Die Länge des Grases I Woomera I Campen (aber richtig) I Jobs I Unser Dorf I Endlich was Giftiges I Aber das Giftigste I Safe to the Cross I Erleuchtet (Tag 1) I Barmaid

Hamburg
Juni 2002
Veith und Tanja, zwei nicht mehr ganz zwanzigjährige Städter, machen sich auf zum letzten Abenteuer vor Kinderkriegen und Schrankwandkaufen:

Ein Jahr Australien mit dem Working Holiday Visum. In diesem Online-Tagebuch berichten sie brühwarm von ihren Erlebnissen und Begegnungen, Überraschungen und Erschütterungen, Vor- und Rückschritten und allen Fettnäpfchen zwischendrin

Ich war im Globetrotterladen unten am Wiesendamm. Einfach nur so, bin ganz zufällig hineingeraten. Eigentlich wollte ich Waschmittel kaufen. Die hatten viele schöne Sachen. Zelte, Rucksäcke, Allzweckhosen, zusammenfaltbare Kaffeekocher, Werkzeugkästen als Schlüsselanhänger, Stehpinkelvorrichtungen für Frauen. Ich habe ein Buch gekauft: "Lebe deinen Traum." Ein Aussteigerbuch. Weiß auch nicht, warum es mir in die Hände gefallen ist. Aber fünf der sieben Frustpunkte in dem Kapitel "Warum auswandern?" treffen voll auf mich zu.

Alltagsfrust - Wachen Sie jeden Morgen mit dem lähmenden Gefühl auf, es könnte genauso gut gestern, morgen oder nächste Woche sein? Jobfrust - Sitzen Sie Tag für Tag mit krummen Schultern am Schreibtisch und quälen sich mit immer gleichen Problemen? Wohnungsfrust - Ist Ihre Mietwohnung nicht der heilige Zufluchtsort, den Sie verdienen, drängen Ihre Wände nachts auf Sie ein, hören Sie Ihren Nachbarn schnarchen? Umweltfrust - Müssen Sie mehr als fünfzig Kilometer fahren, um einen Vogel lauter zu hören als die Autos, und um klaren Schnodder ins Taschentuch zu pusten statt dunkelschwarzem? Käfigfrust - Fühlen Sie sich grundsätzlich unfrei und eingeschränkt in Ihrem sämtlichen Denken, Handeln und Fühlen? Sehen Sie Ihre Jugend dahinschwinden? Hatten Sie sich das alles anders vorgestellt?

Ja, ja, und abermals ja! Mein Gott, der Mann hat recht! Ich bin existentiell unglücklich! Ich muss hier raus.

Der Plan

Ich will ja gar nicht richtig aussteigen, sondern nur ein bisschen. Für eine festgelegte Zeit. Und mit den nötigen Sicherheiten. Bis ich Zuhause wieder zu schätzen weiß. Ein Jahr würde völlig genügen, und am besten in ein Land, wo ich die Sprache spreche und das Essen erkenne. V. wollte ja ins tiefste Afrika, hatte schon beinahe eine Stelle dort angenommen, als man ihm von den Krankheiten erzählte. Malaria, Cholera, Pest - und Würmer, die sich unter die Haut fressen. Nichtmal barfuß stehen solle man in irgendwelchen Gewässern, geschweige denn irgendetwas trinken oder zu sich nehmen, außer wenn es gar nicht anders gehe. Und die giftigen Tiere. Und die Rassenunruhen. V. hat dann Abstand genommen. Er ist nicht so der Abenteurer. Ich auch nicht.

Ich: Wie wärs denn mit Australien.
V: Was wollen wir denn da.
Ich: Da gibts Kängurus, Koalas, Kakadus und Kamele, großartige Sonnenuntergänge und Raum, viel Raum. Wir könnten ein Auto kaufen und einmal rundrum fahren.
V: Und wovon sollen wir das bezahlen?
Ich: Wir arbeiten. Es gibt da dieses Visum, Working Holiday.
V: Sind da nicht auch giftige Tiere?
Ich: Ach was.

In den nächsten Monaten verlängern wir Pässe, schreiben an die Botschaft, interviewen Versicherungsvertreter, treiben Reisebüroangestellte in den Wahnsinn. Der Flug ist ein Problem. Vierundzwanzig Stunden in der Economy-Klasse, mit durchschnittlich 65 cm Sitzabstand, das ist doch die Hölle, wer denkt sich denn sowas aus? Wir feilschen um Fluglinien, Abflugzeiten und Tankzwischenstopps. Schließlich bekommen wir zwei Plätze bei der Asiana, Frankfurt - Seoul direkt, elf Stunden, Seoul - Sydney, direkt, elfeinhalb, direkter gehts nicht, kürzer auch nicht, wir buchen gleich zwei koreanische Hotelnächte dazu, zum Durchatmen und Beine-Entlasten, das kann nicht falsch sein, und dass die da Hunde essen, fällt uns erst später wieder ein. Geschafft. Jetzt heißt es nur noch den deutschen Winter überstehen.

"Fragen, Anmerkungen, Mitteilungen an working.holiday@web.de"?

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Das Working Holiday Visum
ist im Momemt erhältlich für Australien, Neuseeland und Japan. Es kann einmal im Leben beantragt werden (Antragsteller müssen zwischen 18 und 30 sein) und ist gültig für ein Jahr. Hauptzweck muss das Reisen sein, es können aber beliebige Jobs bis zu jeweils drei Monaten angenommen werden. Das Antragsformular kann unter www.australian-embassy.de runtergeladen werden. Die Ausstellung des Visums dauert 4 - 6 Wochen und ist in der Regel kein Problem.

Außerdem braucht man
- eine Auslandskrankenversicherung (Achtung: Die üblichen Reiseversicherungen decken nur Reisen bis zu 8 Wochen! Jobben muss ausdrücklich erlaubt sein!)
- ein Hin- und Rückflugticket, gültig für ein Jahr
- einen Nachweis über 5000 australische Dollar (Kontoauszug)

Nützliche Webseiten
www.reisebine.de

Lesetipp für Unentschlossene
Burkhard Riedel: Lebe deinen Traum. (Obige Zitate sehr frei daraus entnommen.)

 

 


Wo bitte gehts zum nächsten Känguru?

von Tanja Schwarze

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Sydney Februar 2003

Wir stehen mit unseren Koffern im Flughafen von Sydney und staunen. So voll! So bunt! So sonnig! Wir kramen nach unseren Sonnenbrillen. So viel strahlende Betriebsamkeit blendet unsere flugzeugverkniffenen Augen. Wie ein Ferienclub sieht das hier aus, mit Sandwichbars, Riesenwandfernseher und Stoffkoalas überall. V. entdeckt einen Internetstand mit vier Rechnern, kostenlos.

He, rufe ich hinter ihm her, was willst du denn jetzt schon mit e-Mail, wir haben doch noch gar nichts erlebt! Zu spät. Glücklich haut er in die Tasten und schreibt Mama und Papa und Oma und Opa und Arne und Kathrin, dass wir angekommen sind. Und Claudia. Und Jasmina. Ich kauere auf den Koffern und wünsche mich in ein Bett. Um mich herum strömen lauter fröhliche, braun gebrannte, unheimlich wache Sydneysider. So heißen die hier ja wohl. Ich bin durchgeschwitzt und todmüde. Wie überragend schlau von uns, dass wir eine Ferienwohnung gemietet haben für die erste Woche und nicht sofort in eins dieser Backpacker müssen. Nur wie kommen wir da von hier aus hin? Bus? Bahn? Ich wäre ja spontan für Taxi, aber schließlich reisen wir low budget. Wenn V. nur endlich kommen würde

Spin...- nein, Ameisen

In Australien lebt die giftigste Spinne der Welt. In Australien gibt es eine Schlange, deren Gift zweihundertundfünfzigtausend Mäuse auf einmal töten könnte. In Australien gibt es Quallen, an deren Gift man innerhalb von zwanzig Minuten nach Berührung unter höllischen Schmerzen verrecken kann. In Australien sind sogar die Raupen giftig, Australien ist sozusagen das giftigste Land der Erde. Ich konnte es nicht lange vor V. geheimhalten. Jeder Reiseführer protzt mit diesen Daten, sogar das „In-Flight Entertainment“-Heftchen der Asiana hatte eine Warnabbildung der Sydney Funnel-Web. Diese besonders furchtbare Spinne hat sich auf Wohnhäuser in Sydney spezialisiert. Ich rechne es V. hoch an, dass er trotzdem mitgekommen ist. Er hat eine Krabbel- und Kreuchtierphobie. Er kriegt schon eine Gänsehaut, wenn er im Zoo das Schild „Terrarium“ nur von weitem erblickt.

Als wir in unserer Ferienwohnung ankommen (Bus + Bahn + kurze Fußwanderung mit zwei gigantisch schweren Koffern, schließlich doch Taxi) schütteln wir die Decken aus, sehen in die Kopfkissenbezüge, nehmen praktisch das ganze Bett auseinander, bevor wir uns hinlegen. V. muss nochmal aufs Klo. Ich höre ihn die Tür schließen, das Licht anknipsen, dann brüllt er wie am Spieß. Ich stehe senkrecht im Bett und trample die Laken zusammen, was ist denn, was ist denn, schreie ich. V. kommt zurück, kreidebleich. Ameisen, stammelt er, fiese Ameisen, zu Tausenden, im Waschbecken, im Papierkorb, hinterm Klo, überall. Wie groß, rufe ich, viel größer als bei uns? Sehen sie giftig aus? Können sie fliegen? Nein, sagt er etwas beleidigt, sie sind genau wie bei uns, aber sie sind trotzdem eklig. Ich falle zurück ins Kissen. Ameisen, seufze ich, ganz normale kleine Ameisen. Erleichtert schlafe ich ein.

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