
Wo bitte gehts zum nächsten Känguru?
von
Tanja Schwarze
Einleitung
I Hamburg
I Sydney
I Woche
eins I
Unser Auto I
Heiße Hölle
I Campen(1)
I Campen(2)
I Die
Länge des Grases I
Woomera I
Campen (aber richtig) I
Jobs I
Unser
Dorf I
Endlich
was Giftiges I
Aber
das Giftigste I
Safe
to the Cross I
Erleuchtet (Tag 1) I
Barmaid
Barmaid
Ich
habe einen Job für dich gefunden, sagt V. Wir stehen
vor dem schwarzen Brett einer Backpackeragentur. Auf
einer Kopie mit Agenturstempel lese ich folgendes:
BIKINI
BARMAIDS REQUIRED
This is your chance to earn upto $ 30 per hour plus
tips wearing skimpy bikinis behind the bar. This is
regular secure work, ideal for travellers wishing to
earn excellent money so that they can continue their
travels around OZ without worrying to about finding
additional work. Accommodation, return transport to
and from the pubs and one meal per day is provided.
Call IAN under... (after 6 p.m.).
So
eine Frechheit, sage ich. Das kannst du laut sagen,
sagt V. Mit offenen Mündern sehen wir zu, wie sich
ein kleines zartes Mädchen in einem gestreiften
Trägerhemdchen, höchstens zwanzig ist sie,
die Nummer in ihr Notizbuch abkritzelt. Wir schaudern
bei dem Gedanken daran, wie sie im Bikinioberteil irgendwelchen
besoffenen alten Säcken immer neues Bier hinschiebt.
Im Outback. Und weg kann sie nur, wenn sich Ian mit
seinem Bikini-Barmaid-Transportbulli zu ihr hinbemüht,
alle paar Wochen mal. Oder Monate.
Wir
sind von der Ostküste an die Westküste gefahren
mit unserem treuen Bulli. Einmal quer durchs Land, durch
die Nullarbor Ebene. Wir wollten Perth sehen. Wir wollten
noch einmal schön arbeiten in Perth, uns niederlassen,
Freunde finden, und mit wiederaufgefülltem Konto
die Rückreise antreten. Wir dachten das sei kein
Problem, in der Großstadt, und so kurz vor Weihnachten.
Da brauchen doch alle zusätzliche Kräfte.
Wir haben uns schwer getäuscht.
Alles
haben wir versucht, wirklich alles. Zeitungsanzeigen
rauf und runter telefoniert, Agenturen angefleht, persönlich
vorgesprochen, unsere Seelen zum Tausch angeboten. Als
Sandwichschmierer haben wir uns beworben, als Kloputzer,
als Telefonfräuleins, als Bürosklaven, als
Regalstapler, Geschenkeinpacker und Kaufhausweihnachtsmänner.
Nichts hat funktioniert. Backpacker vermitteln wir nicht,
haben wir zu hören gekriegt, zu unzuverlässig.
Für zwei Monate? Nein, nein, wir suchen jemand
für länger. Sehen Sie, unser Service ist nur
zugänglich für australische Staatsbürger,
sollten wir ganz und gar niemanden für den Job
finden, melden wir uns wieder bei Ihnen.
Es
liegt nicht an uns. Oder doch? Einen Job hätten
wir haben können. Sehen Sie nur unsere hochwertigen
Produkte, hat ein schweinebackiger Jungmanager uns in
seinem gerade bezogenen Büro vorgeschwärmt,
die Tapeten standen noch gerollt in den Ecken, wir kauerten
in zwei Stühlen vor seinem Schreibtisch und reckten
die Köpfe, um den Prospekt sehen zu können.
Stoffenten, die quietschen, wenn man ihnen auf den Bauch
drückte, checkkartengroße Taschenrechner
und das 10-teilige Tupperset für die verantwortungsbewusste
Hausfrau.
Dank
unserer ausgeklügelten Einkaufsstrategie können
wir die Waren zu regelrechten Dumpingpreisen anbieten,
sprach der Typ, und glauben Sie mir, die Kunden reißen
sie uns nur so aus den Händen, gerade um diese
Jahreszeit, denken Sie nur, wie wir ihnen den Weihnachtswahnsinn
erleichtern können, Engel sind wir für die,
Engel mit Goldlocken und Rauschebart. Sie müssten
natürlich, ist er fortgefahren und hat sich ein
Staubkorn vom Anzug gestrichen, also, selbstverständlich
können wir nicht jeden, als erstes müssten
Sie sich mal eine etwas geschäftstüchtigere
Kleidung, also, und dann, um Sie im rechten Umgang zu
schulen, also, ich mache Ihnen das erstklassige Angebot
einer Gratisschulung, kommen Sie morgen früh um
halb acht, und wir fahren zusammen los, Sie können
sich ganz unverbindlich ausprobieren, die ersten paar
Male, und wir haben die Sicherheit, nur die allerbesten
Leute einzustellen, das sind wir unserem Ruf schuldig.
Was meinen Sie.
V.
hat sich geräuspert und in seinem Stuhl gereckt.
Lassen Sie mich zusammenfassen, hat er gesagt. Wir fahren
mit unserem Auto von Tür zu Tür. Bezahlt werden
wir prozentweise, nach verkauften Waren. Für Benzin,
Autoverschleiß und Leerlaufzeit kommen wir selber
auf. Neue Kleidung brauchen wir außerdem. Und
die ersten paar Tage arbeiten wir für nichts. Korrekt?
Jawoll!, sagt der Typ, hart aber fair! Ja, ruft V. und
steht auf, das ist doch ein Angebot, das man nicht abschlagen
kann! Also morgen früh um halb acht?, sagt der
Typ. Die beiden schütteln Hände. Ich sehe
zu mit offenem Maul.
Hast
Du sie noch alle, frage ich V. draußen vor der
Tür, du willst das doch nicht im Ernst machen?!
Ich nicht, sagt V. ungerührt, aber kann ich wissen,
wie du dazu stehst, schließlich hast du da drin
kein einziges Wort rausbekommen. Hast Du sie noch alle,
japse ich, mich haben schon die Parkbefragungen fertig
gemacht, da gehe ich doch nicht von Tür zu Tür
und biete Quietscheenten an, ich glaub ich spinne! Dann
sind wir uns ja einig, sagt V. Beim Weggehen sehen wir
eine Gruppe Zwanzigjähriger in Anzügen und
mit Klemmmappen unter den Armen in ihre Autos hasten.
Abends
liegen wir auf unserem Bett, in der Wohnung, gegen die
wir gleich zu Anfang in Perth siegessicher unseren Campingplatz
eingetauscht haben. Im Fernsehen läuft Bachelor,
ein schnöseliger Amerikaner suhlt sich mit fünf
willigen Weibern in einem Whirlpool. Was machen wir
denn jetzt, sage ich. Ich könnte ein bisschen was
zu essen vertragen, sagt V., Fisch wäre nett. Von
welchem Geld sollen wir das denn bezahlen, schnauze
ich. So pleite sind wir nun auch wieder nicht, sagt
V. Aber wir wollen noch ans Ningaloo Reef, sage ich,
und zurück nach Sydney müssen wir auch noch!
Dann gehen wir eben nochmal Orangen pflücken auf
dem Weg, sagt V. Wir schweigen und schlucken. Immerhin
ist bald Weihnachten, sage ich. Meine Eltern, deine
Eltern, deine Großeltern, da kommt ein bisschen
was zusammen. Wollen wir hoffen, dass sie großzügig
sind, sagt V.
Ultimativer Working Holiday Tipp:
GELD VON ZU HAUSE MITBRINGEN!!! Dort verdient
es sich leichter und schneller. Wenn das nicht
geht, die Reiseroute unbedingt nach Jobangeboten
planen. Nicht überall werden Backpacker
mit offenen Armen empfangen. Es ist leichter,
sich freie Unterkunft zu erarbeiten als tatsächliches
Geld. Für diejenigen, die den Travel-Teil
des Visums ernstnehmen, gilt: der Work-Teil
ist gut für ein Taschengeld, mehr nicht.
Gilt
nicht für:
Krankenschwestern und Frisöre. Die werden
hofiert.
Sydney. Jedenfalls behaupten das alle
|
Liebe
Leute
Liebe
Leute. V. und ich sind wieder zu Hause. Das Jahr ist
fürchterlich schnell vorbeigegangen und wir haben
doch so viel erlebt. Vor allem in die australischen
Tiere haben wir uns verliebt, und das viele Draußensein
und Platzhaben war einfach klasse. Auswandern wollten
wir dann aber doch nicht. Deutschland ist nicht so schlecht
zum Leben, und wenn es nur nicht ganz so eng wäre,
und so unglaublich dunkel, und wenn nur ein paar mehr
nette Viecher rumhoppeln würden... ich hole mir
demnächst zwei Häschen aus dem Tierheim, das
wird sicher helfen. Die Kultur hier jedenfalls wissen
wir ganz neu zu schätzen.
Was
ich noch sagen wollte, zu allen, die immer oder ab und
zu treu mitgelesen haben und mir vielleicht sogar die
ein oder andere Mail geschickt haben: Ich danke Euch
sehr für Euer Interesse. Ich entschuldige mich
für die Lücken. Die sind mit den Monaten immer
größer geworden, ich bin einfach nicht nachgekommen
mit dem Berichten. Aber mein Kopf ist prall gefüllt!
Mit Schönem und Schrecklichem! Mit Erbaulichem
und Empörendem! Das muss raus, aufs Papier!
Wenn
Ihr auch nur im geringsten daran interessiert seid