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Wo bitte gehts zum nächsten Känguru?

von Tanja Schwarze

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Safe to Cross

So ein Konzept können sich nur die Australier ausdenken. In Deutschland wäre das nicht passiert! Da hätte man eine Brücke gebaut. Eine ordentliche.

Um bei Ubirr im Kakadu National Park den East Alligator River zu überqueren, muss man eine spezielle Erlaubnis haben, denn der Fluss ist gleichzeitig die Grenze zum Arnhem Land, und das gehört den Aborigines. Man braucht außerdem noch ein zuverlässiges Auto, möglichst mit Vierradantrieb und Motorschnorchel, und je nach Wasserstand eine mittlere bis riesengroße Portion Abenteuerlust, denn die geteerte Straße geht zwar weiter bis zum anderen Ufer, doch statt sich deutlich über den Fluss zu erheben, macht sie im Gegenteil einen Schlenker nach unten. Und hängt im Wasser.

Eine riesenrote Warntafel am Ufer mit Echtfotos zeigt die vier verschiedenen Stufen von Überschwemmung. Auf dem ersten Foto ist der Fluss praktisch ausgetrocknet, die Straße trocken, safe to cross, steht darunter. Das ist spontan einzusehen. Auf dem nächsten Foto läuft ein deutliches Rinnsal über den Asphalt: low tide, 4WD only. Wir mit unserem Tuckerbulli wären damit schon ausgeschieden. Obwohl wir da vielleicht auch noch, mit Anlauf und dann ganz schnell... aber wahrscheinlich lieber doch nicht. Bei dem reißenden Strom auf dem dritten Foto aber, high tide, do not cross, wären wir in jedem Fall diesseitig geblieben, Geländewagen hin und her, zum Teufel mit dem interkulturellen Besuch, und wer immer in dem umgekippten Auto auf Bild vier gesessen hat, der tut uns leid, denn der weilt höchstwahrscheinlich nicht mehr unter uns. Auf der Seite liegt der Wagen, vollständig vom Weg gespült, und der Fluss - mit allem was darin ist - strömt ungehindert durch die runtergerollten Fenster hindurch.

Unser Besuch im Kakadu fällt in eine verfrühte Vorstufe zur Regenzeit (daher auch die vielen Mücken). Der Fluss fliesst ein bisschen über die Straße, eine gute Stufe 2, würde ich sagen, mit steigender Tendenz. Gerade so viel, dass die Fische, wenn sie stromabwärts wollen, ein Stückchen hochspringen müssen, um über die Grenzsteine auf den Asphalt zu flutschen, und, sobald sie rübergeschwemmt worden sind, noch einmal, um wieder runterzukommen. Fette Fische, halbmeterlang. Ein Fest für andere Bewohner des Flusses. Größere Bewohner, ältere. 200 Millionen Jahre alt.

Wir sitzen auf den Uferfelsen, V. und ich und noch eine Handvoll anderer Schaulustiger, in sicherer Entfernung, und beobachten das Drama. Jedes Mal, wenn eins der Krokodile sein Maul aufreißt und wieder ein Fisch im Flug dran glauben muss, klicken unsere Kameras und seufzen unsere Herzen, so ruhig, so grausam und so wunderschön sind die Urviecher. Es sind sieben oder acht Krokodile, mindestens aber fünf, und zwar von der großen, bösen Art, von wegen Alligator River. Da muss sich irgendein naiver Europäer einmal ganz gewaltig vertan haben.

Wir wissen, wo sie liegen, wir beobachten sie seit Stunden. Jedes hat seinen eigenen strategischen Posten an einer der beiden Straßenseiten. Von manchen sehen wir ein Augenpaar und eine knorrige Schnauzenspitze, ab und zu ein Stück schuppigen Rücken, und ganz manchmal, für ein paar schlagende, spritzende Sekunden, einen Drachenschwanz. Andere sind vollständig unter Wasser und tauchen urplötzlich zwanzig Meter näher wieder auf, da! wispert der von uns, der es zuerst erspäht, und wir anderen gucken aufgeregt an seinem ausgestreckten Arm entlang.

Wissen die Autofahrer auch, wo die Krokodile liegen? Wir bezweifeln das und halten die Kameras gezückt. Als erstes kommt ein Tour-Jeep voll mit Backpackern, der Tourguide lehnt lässig zum Fenster raus, und die Jungs hinten versuchen es ihm gleichzutun. Die Mädchen schmachten den Tourguide an. Alle johlen sie, als der Wagen spritzend und sprühend durch das Wasser auf die andere Seite rauscht. Die Krokodile lassen sich nicht blicken. Schade. Denen hätten wir einen kleinen Anknabberer wohl gegönnt. Sie sind nicht mal ausgestiegen.

Als nächstes kommt ein Aborigine in seinem uralten Datsun, rot und verbeult. Der weiß ja wohl, was er tut. Oder doch nicht? Wir halten den Atem an, als er ohne überhaupt nur langsamer zu werden in die Gefahrenzone vorprescht, den Arm aus dem runtergekurbelten Fenster gehängt wie der Tourguide, nur gut einen Meter tiefer... Der Motor röhrt ein wenig auf, als der Wagen den Tiefpunkt erreicht, das Wasser geht ihm bis an die Stoßstange, doch er schafft es durch. Zwei kleine Mietautos, weiß und rot, die zögernd am Ufer geparkt hatten, sausen ihm ermutigt hinterher. An der Wasseroberfläche bleibt es ganz ruhig. Sind die Krokodile vielleicht einfach zu satt? Wissen sie nicht, dass sich in den röhrenden, stinkenden Blechdingern ein paar mundgerechte, saftige Brocken verbergen? Müsste man ihnen ins Maul springen, wie die Fische, damit sie sich die Mühe machen, einen zu fressen?

Es ist noch kein Jahr her, dass hier im Kakadu eine deutsche Touristin umgekommen ist. Sie ist baden gegangen in einem der Wasserlöcher. Wir hatten die Geschichte noch vor unserem Abflug bibbernd aus den Nachrichten entgegengenommen, und auf unserer Reise ist sie uns regelmäßig wiederbegegnet, erweitert um die neuesten Blutigkeiten. Sie war nicht alleine, eine ganze Tourgruppe ist mit reingegangen! Ihre Schwester musste alles aus nächster Nähe mitansehen! Der Tourguide hat gesagt, es wäre sicher, trotz der Schilder! Es war Nacht, und sie hatten getrunken, und alle waren nackt! Das Krokodil ist direkt auf sie zugeschossen, hat sie unter Wasser gezerrt und im ganzen Stück verschluckt! Immer sind es die Deutschen, denen sowas passiert! Was ist das nur mit euch, nehmt euch bloß in Acht, ihr könntet die nächsten sein! Der Tourguide sitzt nun hinter Gittern und das ist auch gut so!

Wieder fährt ein Auto vor, drei Leute steigen aus: ein Pärchen, aufgrund seiner abwartenden, sich umsehenden Haltung schnell als Touristen identifiziert, und ein Mann mit Australierhut. Der Mann mit Hut winkt das Pärchen an den Fluss heran, zu dritt schlendern sie die Straße entlang, auf die Überschwemmung zu, bis ihre Zehenspitzen ins Wasser ragen. Der Hutmann redet auf das Pärchen ein, zeigt nach rechts und links, das Pärchen nickt und späht in die Ferne. Die Krokodile direkt neben ihnen sind untergetaucht. Wir auf unseren Felsen sitzen starr. Der Bärtige neben mir richtet sich auf, he Mann, ruft er, das ist nicht deine verdammte Badewanne!

Wir sind nicht sicher, ob der Hutmann verstanden hat. Der Fluss ist so laut. Er sieht zu uns rüber und hebt die Hand zum Gruß. Dann redet er weiter auf das Pärchen ein. Als sie endlich wieder in ihr blödes Auto steigen, atmen wir alle auf. Sie hätten doch nur wieder alles auf das Tier geschoben und ihm den Kopf zerballert, wie im Fall des deutschen Mädchens auch. Dafür, dass es das getan hätte, was Krokodile nunmal so tun, ganz so wie schon in den letzten 200 Millionen Jahren.

Als wir endlich gehen, V. und ich, es wird schon dunkel, gucken wir uns nochmal das Foto mit dem umgekippten Auto an. Es schwimmt genau auf der Fischfang-Wartelinie. Das Wasser schwappt ihm dreiviertelhoch, an einer Seite bis fast ans Dach. Armer Kerl, sage ich.

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