
Wo bitte gehts zum nächsten Känguru?
von
Tanja Schwarze
Einleitung
I Hamburg
I Sydney
I Woche
eins I
Unser Auto I
Heiße Hölle
I Campen(1)
I Campen(2)
I Die
Länge des Grases I
Woomera I
Campen (aber richtig) I
Jobs I
Unser
Dorf I
Endlich
was Giftiges I
Aber
das Giftigste I
Safe
to the Cross I
Erleuchtet (Tag 1) I
Barmaid
Safe
to Cross
So
ein Konzept können sich nur die Australier ausdenken.
In Deutschland wäre das nicht passiert! Da hätte
man eine Brücke gebaut. Eine ordentliche.
Um
bei Ubirr im Kakadu National Park den East Alligator
River zu überqueren, muss man eine spezielle Erlaubnis
haben, denn der Fluss ist gleichzeitig die Grenze zum
Arnhem Land, und das gehört den Aborigines. Man
braucht außerdem noch ein zuverlässiges Auto,
möglichst mit Vierradantrieb und Motorschnorchel,
und je nach Wasserstand eine mittlere bis riesengroße
Portion Abenteuerlust, denn die geteerte Straße
geht zwar weiter bis zum anderen Ufer, doch statt sich
deutlich über den Fluss zu erheben, macht sie im
Gegenteil einen Schlenker nach unten. Und hängt
im Wasser.
Eine
riesenrote Warntafel am Ufer mit Echtfotos zeigt die
vier verschiedenen Stufen von Überschwemmung. Auf
dem ersten Foto ist der Fluss praktisch ausgetrocknet,
die Straße trocken, safe to cross, steht darunter.
Das ist spontan einzusehen. Auf dem nächsten Foto
läuft ein deutliches Rinnsal über den Asphalt:
low tide, 4WD only. Wir mit unserem Tuckerbulli wären
damit schon ausgeschieden. Obwohl wir da vielleicht
auch noch, mit Anlauf und dann ganz schnell... aber
wahrscheinlich lieber doch nicht. Bei dem reißenden
Strom auf dem dritten Foto aber, high tide, do not cross,
wären wir in jedem Fall diesseitig geblieben, Geländewagen
hin und her, zum Teufel mit dem interkulturellen Besuch,
und wer immer in dem umgekippten Auto auf Bild vier
gesessen hat, der tut uns leid, denn der weilt höchstwahrscheinlich
nicht mehr unter uns. Auf der Seite liegt der Wagen,
vollständig vom Weg gespült, und der Fluss
- mit allem was darin ist - strömt ungehindert
durch die runtergerollten Fenster hindurch.
Unser
Besuch im Kakadu fällt in eine verfrühte Vorstufe
zur Regenzeit (daher auch die vielen Mücken). Der
Fluss fliesst ein bisschen über die Straße,
eine gute Stufe 2, würde ich sagen, mit steigender
Tendenz. Gerade so viel, dass die Fische, wenn sie stromabwärts
wollen, ein Stückchen hochspringen müssen,
um über die Grenzsteine auf den Asphalt zu flutschen,
und, sobald sie rübergeschwemmt worden sind, noch
einmal, um wieder runterzukommen. Fette Fische, halbmeterlang.
Ein Fest für andere Bewohner des Flusses. Größere
Bewohner, ältere. 200 Millionen Jahre alt.
Wir
sitzen auf den Uferfelsen, V. und ich und noch eine
Handvoll anderer Schaulustiger, in sicherer Entfernung,
und beobachten das Drama. Jedes Mal, wenn eins der Krokodile
sein Maul aufreißt und wieder ein Fisch im Flug
dran glauben muss, klicken unsere Kameras und seufzen
unsere Herzen, so ruhig, so grausam und so wunderschön
sind die Urviecher. Es sind sieben oder acht Krokodile,
mindestens aber fünf, und zwar von der großen,
bösen Art, von wegen Alligator River. Da muss sich
irgendein naiver Europäer einmal ganz gewaltig
vertan haben.
Wir
wissen, wo sie liegen, wir beobachten sie seit Stunden.
Jedes hat seinen eigenen strategischen Posten an einer
der beiden Straßenseiten. Von manchen sehen wir
ein Augenpaar und eine knorrige Schnauzenspitze, ab
und zu ein Stück schuppigen Rücken, und ganz
manchmal, für ein paar schlagende, spritzende Sekunden,
einen Drachenschwanz. Andere sind vollständig unter
Wasser und tauchen urplötzlich zwanzig Meter näher
wieder auf, da! wispert der von uns, der es zuerst erspäht,
und wir anderen gucken aufgeregt an seinem ausgestreckten
Arm entlang.
Wissen
die Autofahrer auch, wo die Krokodile liegen? Wir bezweifeln
das und halten die Kameras gezückt. Als erstes
kommt ein Tour-Jeep voll mit Backpackern, der Tourguide
lehnt lässig zum Fenster raus, und die Jungs hinten
versuchen es ihm gleichzutun. Die Mädchen schmachten
den Tourguide an. Alle johlen sie, als der Wagen spritzend
und sprühend durch das Wasser auf die andere Seite
rauscht. Die Krokodile lassen sich nicht blicken. Schade.
Denen hätten wir einen kleinen Anknabberer wohl
gegönnt. Sie sind nicht mal ausgestiegen.
Als
nächstes kommt ein Aborigine in seinem uralten
Datsun, rot und verbeult. Der weiß ja wohl, was
er tut. Oder doch nicht? Wir halten den Atem an, als
er ohne überhaupt nur langsamer zu werden in die
Gefahrenzone vorprescht, den Arm aus dem runtergekurbelten
Fenster gehängt wie der Tourguide, nur gut einen
Meter tiefer... Der Motor röhrt ein wenig auf,
als der Wagen den Tiefpunkt erreicht, das Wasser geht
ihm bis an die Stoßstange, doch er schafft es
durch. Zwei kleine Mietautos, weiß und rot, die
zögernd am Ufer geparkt hatten, sausen ihm ermutigt
hinterher. An der Wasseroberfläche bleibt es ganz
ruhig. Sind die Krokodile vielleicht einfach zu satt?
Wissen sie nicht, dass sich in den röhrenden, stinkenden
Blechdingern ein paar mundgerechte, saftige Brocken
verbergen? Müsste man ihnen ins Maul springen,
wie die Fische, damit sie sich die Mühe machen,
einen zu fressen?
Es
ist noch kein Jahr her, dass hier im Kakadu eine deutsche
Touristin umgekommen ist. Sie ist baden gegangen in
einem der Wasserlöcher. Wir hatten die Geschichte
noch vor unserem Abflug bibbernd aus den Nachrichten
entgegengenommen, und auf unserer Reise ist sie uns
regelmäßig wiederbegegnet, erweitert um die
neuesten Blutigkeiten. Sie war nicht alleine, eine ganze
Tourgruppe ist mit reingegangen! Ihre Schwester musste
alles aus nächster Nähe mitansehen! Der Tourguide
hat gesagt, es wäre sicher, trotz der Schilder!
Es war Nacht, und sie hatten getrunken, und alle waren
nackt! Das Krokodil ist direkt auf sie zugeschossen,
hat sie unter Wasser gezerrt und im ganzen Stück
verschluckt! Immer sind es die Deutschen, denen sowas
passiert! Was ist das nur mit euch, nehmt euch bloß
in Acht, ihr könntet die nächsten sein! Der
Tourguide sitzt nun hinter Gittern und das ist auch
gut so!
Wieder
fährt ein Auto vor, drei Leute steigen aus: ein
Pärchen, aufgrund seiner abwartenden, sich umsehenden
Haltung schnell als Touristen identifiziert, und ein
Mann mit Australierhut. Der Mann mit Hut winkt das Pärchen
an den Fluss heran, zu dritt schlendern sie die Straße
entlang, auf die Überschwemmung zu, bis ihre Zehenspitzen
ins Wasser ragen. Der Hutmann redet auf das Pärchen
ein, zeigt nach rechts und links, das Pärchen nickt
und späht in die Ferne. Die Krokodile direkt neben
ihnen sind untergetaucht. Wir auf unseren Felsen sitzen
starr. Der Bärtige neben mir richtet sich auf,
he Mann, ruft er, das ist nicht deine verdammte Badewanne!
Wir
sind nicht sicher, ob der Hutmann verstanden hat. Der
Fluss ist so laut. Er sieht zu uns rüber und hebt
die Hand zum Gruß. Dann redet er weiter auf das
Pärchen ein. Als sie endlich wieder in ihr blödes
Auto steigen, atmen wir alle auf. Sie hätten doch
nur wieder alles auf das Tier geschoben und ihm den
Kopf zerballert, wie im Fall des deutschen Mädchens
auch. Dafür, dass es das getan hätte, was
Krokodile nunmal so tun, ganz so wie schon in den letzten
200 Millionen Jahren.
Als
wir endlich gehen, V. und ich, es wird schon dunkel,
gucken wir uns nochmal das Foto mit dem umgekippten
Auto an. Es schwimmt genau auf der Fischfang-Wartelinie.
Das Wasser schwappt ihm dreiviertelhoch, an einer Seite
bis fast ans Dach. Armer Kerl, sage ich.
Weiter
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