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Wo bitte gehts zum nächsten Känguru?

von Tanja Schwarze

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Unser Dorf

Du denkst ja an die Lesung im Resort heute Abend, sage ich zu V. und blättere in unserem Terminkalender, „Cold Nights, Hot Words“, junge Lokaltalente stellen ihre Werke vor, und an das Frauenkonzert morgen im Bluegrass, mit Harfen und Gitarren, und am Wochenende dann das Beanie Festival. Danach Territory Day und die große Show mit Misswahlen und Schweinerennen, und die Woche darauf, als Abschluss sozusagen, der Camel Cup. Wir sind ausgebucht, sage ich stolz. Alice Springs ist ein Kaff in der Wüste, mit Kaff-Veranstaltungen, und wir sind bei jeder einzelnen dabei.

Das Großartige an einer Kleinstadt ist ja, dass man sich in Nullkommanix zugehörig fühlt. Wo wir auch hingehen, überall sehen wir die selben Gesichter. In der Moderatorin auf der Bühne erkennen wir die Bedienung aus der Bar vom Vorabend wieder. Die Sängerin an ihrer Seite ist Mitglied in mehreren zusammengewürfelten Bands, wie auch der Blondgelockte, der so süß seine Verse über die Einsamkeit im Outback stammelt. Der spielt sonst Bass. Den Getränkestand bedient einer, der auf dem Sonntagsmarkt hoppelnde Holzkängurus anbietet, der Frau, deren selbstgebackenen Fruchtkuchen wir kauen (und kauen und kauen), gehört der Secondhandbuchladen, und in der Menge finden wir drei von V.s Nursen (seine Arbeitskollegen und -kolleginnen aus der Irrenabteilung, die verdienen sich dumm und dämlich bei der derzeitigen Nursenknappheit im Land). Die Frau mit den Röcken, die immer und überall dabei ist, thront diesmal direkt vor unserer Nase, auf dem Schoß von... nanu? Wer ist der Kerl? In welcher Beziehung steht sie zu ihm? Ist er ihr Vater? Opa? Liebhaber? Das finden wir auch noch heraus.

Ein Beanie ist eine Strickmütze. Ein Beanie Festival ist ein Fest mit und um Strickmützen herum. Tische voll davon. Wände voll. Und Drahtbäume. Quietschbunte Mützen und gesetztere, zweifarbige, runde, eckige, zipfelige und palastförmige, mit Bommeln dran, Narrenglöckchen, Ohrenklappen oder Büscheln von Emufedern oben drauf. Die Leute wühlen, probieren an, kreischen los, klopfen sich auf die Schultern und bezahlen. Dann mischen sie sich unter die Menge, und das Beste ist: Sie sehen wirklich ausnahmslos gut aus mit ihren neuen Schätzen. V. besteht darauf, dass er keinen Mützenkopf hat, trotzdem kann ich ihn fast davon überzeugen, ein besonders rotes Modell mit einer mysteriösen, an beiden Ohr-Enden befestigten Kordel zu kaufen, bis die Strickerin uns eröffnet, dass wir eine Umhängetasche erwischt haben.

Um unsere Zugehörigkeit zur Gemeinde endgültig zu manifestieren, wird V. für vier Wochen Mitglied im örtlichen Fußballclub TDC, und ich schreibe mich in einen Workshop zum Körbeflechten ein, bei einer Aboriginefrau aus der nahen Community Ernabella.

Sieh mal, sage ich eines Abends in unserem Zimmer. Ich halte meinen dritten fertigen Korb hoch, der aber der erste ernstzunehmende ist. Der Boden unseres Zimmers ist fast vollständig mit gefärbtem Stroh und Füllgras bedeckt; irgendwo darunter schlummert die riesige Flechtnadel, die ich im Eifer des Augenblicks verloren und nicht wiedergefunden habe. Der Korb ist blau-gelb-beige geringelt. Ein grüner Apfel würde sich fantastisch darin machen.

Warte, kann jetzt nicht, ist alles, was V. dazu zu sagen hat. Er liest zum fünften Mal den Artikel im Centralian Advocate über das Fußballspiel, das er mit geliehenen Stutzen und Stollenschuhen mitmachen durfte. Ich kann nicht glauben, dass ich nicht erwähnt bin, schimpft er, ich habe den spielentscheidenden Pass geschossen. Wie, du hast kein Tor gemacht, frage ich, wenn du ein Tor gemacht hättest, wärst du sicher mit Namen drin. Schwach, in einer Provinzmannschaft wie dieser kein Tor zu schießen, oder findest du nicht. Er sieht mich an. Mach du weiter Körbe, sagt er. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.

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Fragen, Anmerkungen, Mitteilungen an tanjaundveith@web.de


Alice Springs Veranstaltungstipps (Juni/ Juli):

Beanie Festival
Alljährlich im Cultural Precinct mit Beanie-Beiträgen aus aller Welt.
www.beaniefest.org
Veranstalter des Korbflecht-Workshops: Tjanpi, Aboriginal Women’s Baskets and Crafts.
www.tjanpiaboriginalbaskets.com

Territory Day
Eigentlich nur ein nettes Feuerwerk mit ein bisschen vorbereitender Livemusik. Aber wenn schon denn schon, auch hier lässt sich nett picknicken und Atmosphäre aufsaugen. Anzac Oval am Anzac Hill.

Die Show
Großer Wüstenjahrmarkt mit Landwirtschafts- und anderen Gemeindeausstellungen. Wo sonst sieht man Käsebrote hinter Glas (Pausenfrühstücksausstellung der örtlichen Grundschule) und Privatfotos von Hintergärten und Haustieren (Ausstellung des Fotokurses, Anfänger und Fortgeschrittene). Ein ganzes Wochenende lang auf den Showgrounds (Festwiese) südlich vom Zentrum.

Camel Cup
Das große Kamelrennen auf den Showgrounds. Unschön: die Gehorsamsstäbe durch die Nasen der Kamele, und dass manche Reiter das Ganze zu ernst nehmen und ihrem Tier mit der Peitsche hintendrauf prügeln. Schön: dass immer mindestens ein Kamel sich trotzdem nichts sagen lässt und beim Startschuss einfach stehenbleibt, bzw. in die entgegengesetzte Richtung davontrabt.

 


 

 

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