Du
denkst ja an die Lesung im Resort heute Abend, sage
ich zu V. und blättere in unserem Terminkalender,
„Cold Nights, Hot Words“, junge Lokaltalente
stellen ihre Werke vor, und an das Frauenkonzert morgen
im Bluegrass, mit Harfen und Gitarren, und am Wochenende
dann das Beanie Festival. Danach Territory Day und die
große Show mit Misswahlen und Schweinerennen,
und die Woche darauf, als Abschluss sozusagen, der Camel
Cup. Wir sind ausgebucht, sage ich stolz. Alice Springs
ist ein Kaff in der Wüste, mit Kaff-Veranstaltungen,
und wir sind bei jeder einzelnen dabei.
Das
Großartige an einer Kleinstadt ist ja, dass man
sich in Nullkommanix zugehörig fühlt. Wo wir
auch hingehen, überall sehen wir die selben Gesichter.
In der Moderatorin auf der Bühne erkennen wir die
Bedienung aus der Bar vom Vorabend wieder. Die Sängerin
an ihrer Seite ist Mitglied in mehreren zusammengewürfelten
Bands, wie auch der Blondgelockte, der so süß
seine Verse über die Einsamkeit im Outback stammelt.
Der spielt sonst Bass. Den Getränkestand bedient
einer, der auf dem Sonntagsmarkt hoppelnde Holzkängurus
anbietet, der Frau, deren selbstgebackenen Fruchtkuchen
wir kauen (und kauen und kauen), gehört der Secondhandbuchladen,
und in der Menge finden wir drei von V.s Nursen (seine
Arbeitskollegen und -kolleginnen aus der Irrenabteilung,
die verdienen sich dumm und dämlich bei der derzeitigen
Nursenknappheit im Land). Die Frau mit den Röcken,
die immer und überall dabei ist, thront diesmal
direkt vor unserer Nase, auf dem Schoß von...
nanu? Wer ist der Kerl? In welcher Beziehung steht sie
zu ihm? Ist er ihr Vater? Opa? Liebhaber? Das finden
wir auch noch heraus.
Ein
Beanie ist eine Strickmütze. Ein Beanie Festival
ist ein Fest mit und um Strickmützen herum. Tische
voll davon. Wände voll. Und Drahtbäume. Quietschbunte
Mützen und gesetztere, zweifarbige, runde, eckige,
zipfelige und palastförmige, mit Bommeln dran,
Narrenglöckchen, Ohrenklappen oder Büscheln
von Emufedern oben drauf. Die Leute wühlen, probieren
an, kreischen los, klopfen sich auf die Schultern und
bezahlen. Dann mischen sie sich unter die Menge, und
das Beste ist: Sie sehen wirklich ausnahmslos gut aus
mit ihren neuen Schätzen. V. besteht darauf, dass
er keinen Mützenkopf hat, trotzdem kann ich ihn
fast davon überzeugen, ein besonders rotes Modell
mit einer mysteriösen, an beiden Ohr-Enden befestigten
Kordel zu kaufen, bis die Strickerin uns eröffnet,
dass wir eine Umhängetasche erwischt haben.
Um
unsere Zugehörigkeit zur Gemeinde endgültig
zu manifestieren, wird V. für vier Wochen Mitglied
im örtlichen Fußballclub TDC, und ich schreibe
mich in einen Workshop zum Körbeflechten ein, bei
einer Aboriginefrau aus der nahen Community Ernabella.
Sieh
mal, sage ich eines Abends in unserem Zimmer. Ich halte
meinen dritten fertigen Korb hoch, der aber der erste
ernstzunehmende ist. Der Boden unseres Zimmers ist fast
vollständig mit gefärbtem Stroh und Füllgras
bedeckt; irgendwo darunter schlummert die riesige Flechtnadel,
die ich im Eifer des Augenblicks verloren und nicht
wiedergefunden habe. Der Korb ist blau-gelb-beige geringelt.
Ein grüner Apfel würde sich fantastisch darin
machen.
Warte,
kann jetzt nicht, ist alles, was V. dazu zu sagen hat.
Er liest zum fünften Mal den Artikel im Centralian
Advocate über das Fußballspiel, das er mit
geliehenen Stutzen und Stollenschuhen mitmachen durfte.
Ich kann nicht glauben, dass ich nicht erwähnt
bin, schimpft er, ich habe den spielentscheidenden Pass
geschossen. Wie, du hast kein Tor gemacht, frage ich,
wenn du ein Tor gemacht hättest, wärst du
sicher mit Namen drin. Schwach, in einer Provinzmannschaft
wie dieser kein Tor zu schießen, oder findest
du nicht. Er sieht mich an. Mach du weiter Körbe,
sagt er. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.
Beanie
Festival
Alljährlich im Cultural Precinct mit
Beanie-Beiträgen aus aller Welt. www.beaniefest.org
Veranstalter des Korbflecht-Workshops: Tjanpi,
Aboriginal Women’s Baskets and Crafts. www.tjanpiaboriginalbaskets.com
Territory
Day
Eigentlich nur ein nettes Feuerwerk mit ein
bisschen vorbereitender Livemusik. Aber wenn
schon denn schon, auch hier lässt sich
nett picknicken und Atmosphäre aufsaugen.
Anzac Oval am Anzac Hill.
Die
Show Großer Wüstenjahrmarkt
mit Landwirtschafts- und anderen Gemeindeausstellungen.
Wo sonst sieht man Käsebrote hinter Glas
(Pausenfrühstücksausstellung der
örtlichen Grundschule) und Privatfotos
von Hintergärten und Haustieren (Ausstellung
des Fotokurses, Anfänger und Fortgeschrittene).
Ein ganzes Wochenende lang auf den Showgrounds
(Festwiese) südlich vom Zentrum.
Camel
Cup
Das große Kamelrennen auf den Showgrounds.
Unschön: die Gehorsamsstäbe durch
die Nasen der Kamele, und dass manche Reiter
das Ganze zu ernst nehmen und ihrem Tier mit
der Peitsche hintendrauf prügeln. Schön:
dass immer mindestens ein Kamel sich trotzdem
nichts sagen lässt und beim Startschuss
einfach stehenbleibt, bzw. in die entgegengesetzte
Richtung davontrabt.
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