
Wo bitte gehts zum nächsten Känguru?
von
Tanja Schwarze
Einleitung
I Hamburg
I Sydney
I Woche
eins I
Unser Auto I
Heiße Hölle
I Campen(1)
I Campen(2)
I Die
Länge des Grases I
Woomera I
Campen (aber richtig) I
Jobs I
Unser
Dorf I
Endlich
was Giftiges I
Aber
das Giftigste I
Safe
to the Cross I
Erleuchtet (Tag 1) I
Barmaid
Campen
(aber richtig)
Wir
sind jetzt echte Buschcamper. Wir können jetzt:
In der Wildnis übernachten, ohne zu bezahlen. Einen
Linseneintopf kochen, in einem schmiedeeisernen Pott
über dem Lagerfeuer. Echt australisches Damper-Brot
dazu backen, in den Kohlen. Wein melken aus einem Plastikschlauch.
Hinter der nächsten Düne Pipi gehen und Schlimmeres.
Einschlafen, ohne uns das Gesicht gewaschen zu haben.
Wir sind bei Fred und Melody in die Lehre gegangen.
Das kam so.
(Auf
der Fahrt vom Uluru zum Kings Canyon, das Einpacken
von Zelt, Stühlen, Lampe, Geschirr etc. hat mal
wieder Ewigkeiten gedauert, die Sonne steht am höchsten
Punkt)
Ich:
Weißt du noch, die beiden vom Sunset-Parkplatz,
der Typ und die Frau, die so verschlafen aussah, die
das gleiche Auto hatten wie wir?
V.: Wie hießen die noch gleich...
Ich: Er kam aus England und hieß Fred, sie aus
Seattle, sie hatte so einen komischen amerikanischen
Namen, irgendwas Bildliches...
V.: Ach, ja, ich weiß... warte... Sonnenschein?
Ich: Nee...
V.: Bernstein?
Ich: Nee, auch nicht.
V.: Egal, ich weiß, wen du meinst. Was ist mit
denen?
Ich: Ich glaube, hier ist der Parkplatz, von dem sie
erzählt haben.
V.: Was, der Geheimtipp, wo man so supertoll umsonst
übernachten kann? Mit der unglaublich mystischen
Atmosphäre?
Ich: Das wird schon nix Dolles sein.
V.: Wollen wir ihn uns mal angucken?
Ich: Kann ja nicht schaden. Du musst den kleinen Trampelpfad
da hoch und über die Düne.
V.: Was, durch den Sand? Schafft unser Wagen das?
Ich: Los, mach schon.
V.: ...
Ich ...uaaahhh...
V.: Hier?!
Ich: Bleib mal erstmal stehen, hier hinter dem Busch.
Folgender
Anblick bietet sich uns: ein einziges Auto im Schatten
einiger krüppeliger Bäume, eine Feuerstelle
davor, sonst weit und breit nichts als Wüstenidylle,
die Straße ist nicht mehr zu sehen. Das Auto ist
ein Nissan Urvan, wie unsers, aber blauweiß gestrichen
statt unwiderstehlich bronzefarben, und mit einem höheren
Dach. Die Schiebetür steht offen, drinnen lümmeln
sich zwei Gestalten und lesen. Offenbar liegen sie noch
im Bett. Und ehrlich gesagt sehen sie so aus, als wären
sie schon sehr lange nicht mehr richtig aus dem Bett
raus gewesen.
V.:
Das sind sie.
Ich: Jetzt haben sie uns gesehen.
Fred
und Melody blinzeln verschreckt in die Sonne, stoßen
sich gegenseitig an, zeigen auf uns, und kommen dann
aus dem Wagen gepurzelt. Fred schlappt sich einen verbeulten
Hut über und kratzt sich hektisch im Bart, Melody
verfängt sich im Schlag der vertragensten Jeans,
die ich je gesehen habe. Wir sind seit fünf Tagen
hier, rufen sie uns entgegen, während sie barfuß
und halbblind durch den roten Sand auf uns zurudern,
wir haben nichts gemacht als essen, lesen, schlafen,
den ganzen Tag, und abends haben wir ins Feuer geguckt
und den Dingos beim Heulen zugehört, herrlich,
sagen wir euch, bleibt doch hier, dann kochen wir uns
zusammen was, es ist wunderbar hier, alles, was ihr
euch nur wünschen könnt, ist hier, an diesem
Ort. V. und ich glotzen. Sowas Allerliebstes wie diese
beiden haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Die
Einladung ist angenommen, bevor sie richtig zu Ende
gesprochen ist. Mit allen Konsequenzen.
Nun
ist es nicht so, dass wir selbst noch den Inbegriff
der Geschniegeltheit darstellen. Nein, nein. Die Verwahrlosung
in diesem Land geschieht graduell, aber unweigerlich.
Vor allem beim Campen. Schon haben wir rausgefunden,
dass es, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit,
völlig ausreicht, einfach immer Deo nachzutragen,
immer schön drüber, ohne mit Wasser dazwischen
zu funken. Die begrenzte Zeit, so vermuten wir, ist
dann vorüber, wenn die Schmierschicht unter dem
Arm so dick ist, dass man mit dem Finger Muster reinmalen
kann, aber vorher muss man sich keine Gedanken machen.
Gerüche wirken in der Wüste sowieso anders.
Sie werden einfach davongetragen vom Wind. Weggebrannt
von der Sonne. Würzig vermischt mit den übrigen
Erd-, Tier- und Verwesungsdüften.
Auch
ein T-Shirt hält in der Wüste länger.
Mit Verachtung denke ich daran, wie ich in meinen Bürotagen
jeden Tag ein frisches T-Shirt aus dem Schrank gezogen
habe, an heißen Tagen sogar ein zweites, für
alle Fälle. Ab spätestens zwei Uhr nachmittags
glaubte ich in der stehenden Luft um mich herum nicht
nur mehr uneingeschränkte Duschfrische wahrzunehmen.
(Wehe, wenn ich im Dunkel der Etagentoilette Schwitzflecken
an mir bemerkte. Sofort hing ich unter dem Handfön.)
Beim Campen kann man sich so etwas nicht leisten. Erstens
ist der Vorrat an frischen T-Shirts klein und daher
heilig, zweitens ist er in der Regel so umständlich
verpackt - in der Kiste unter dem Bett hinter den Büchern
und umpolstert von Schuhen, Souvenirs und halbleer gegessenen
Chipstüten -, dass man sich Morgen für Morgen
beim Schnüffeltest denkt: Ach, das geht schon noch
für einen Tag. Wir haben schließlich nichts
Gehobenes vor. Und wer uns nahekommt, ist selber schuld.
Natürlich,
das mit dem Dünengehen ist noch ein anderes Kaliber.
Musst du auch, wispere ich V. in einem günstigen
Moment zu, Fred ist gerade neues Holz sammeln gegangen,
und Melody steckt im Inneren ihres blauweißen
Heims und gräbt nach irgendeinem unglaublich praktischen,
solarbetriebenen Etwas, das sie secondhand gekauft hat
und uns unbedingt noch zeigen muss. Wir haben uns herzhaft
vollgegessen und die Zehen ins Feuer gehalten, haben
uns in großer Ausführlichkeit über unsere
Reisen ausgetauscht, über die Unzumutbarkeit des
„normalen Lebens“ und alle sonstigen Übel
der Welt, und haben mit billigsüßem Rotwein
auf alle Wildcamper, Halb- und Ganzaussteiger und Lebenskünstler
im Allgemeinen angestoßen. Alles in allem haben
wir einen großartigen Abend. Außerhalb unseres
kleinen Feuerkreises ist es inzwischen stockdunkel geworden,
und perfekt still.
Ich?
Nein, antwortet V. entschlossen. Er presst die Lippen
aufeinander. Ich schnaube durch die Nase. Wenn er sich
willentlich zu verstopfen gedenkt - bitte. Ich kann
das nicht. Wozu auch. Das Leben ist ein Abenteuer. Ich
packe mir unsere Schaufel und stiefele zur Düne.
Dahinter ist ein Schlachtfeld, türmen sich frische
Minigräber auf, kleben Taschentuchfetzen im Sand,
liegt sogar die ein oder andere unvergrabene Tretmine
herum. Glücklicherweise ist es zu dunkel, ich ahne
nichts davon. Schön ein Loch buddeln, geht es in
meinem Kopf herum, schön auf Ungeziefer achten.
Und dann, als ich da hocke, in der riesengroßen
Stille und kilometerweiten Offenheit, und zu glauben
versuche, dass die Dunkelheit mich bedeckt, gerade da
fällt mir die Geschichte mit dem Dingo ein. Mit
der Frau, die mal musste und dann wurde es so komisch
warm hinter ihr, und als sie sich über die Schulter
sah, stand da ein gelber Hund und leckte ihr freundschaftlich
den bloßen Hintern. Ich haste auf und reiße
meine Hose hoch. Ich renne den Weg zurück, alles
in Ordnung, fragen die anderen, als ich zurück
in den Feuerschein springe. Sicher, keuche ich, was
soll denn sein.
Vielleicht
müssen wir diesen Teil des Wildcampens nochmal
üben, V. und ich. Aber ich bin sicher, dass wir
dazu noch genug Gelegenheit haben werden.
Weiter
.....
Fragen, Anmerkungen, Mitteilungen an tanjaundveith@web.de
Wild Campen:
ist in Australien überall da
erlaubt, wo es nicht ausdrücklich verboten
ist. Es besteht eine richtige Wildcamper-Kultur,
die den Campingplatzabhängigen etwas
verächtlich gegenübersteht. Warum
für etwas zahlen, was seit Urzeiten umsonst
und besser zu haben ist? Ein weiterer absoluter
Vorteil neben dem Geldsparen ist, dass man
ungestört Feuer machen kann (auf den
meisten Campingplätzen verboten oder
nur in speziellen Feuerstellen erlaubt) und
so endlich ein Mittel gegen die nächtliche
Kälte in der Wüste hat. Totes Holz
ist leicht zu finden, oft liegen sogar fertige
Haufen davon am Rand der Highways, die jeder
nehmen kann.
Günstig
sind „Public Restareas“, wo sich
noch andere Wildcamper einfinden. Manche dieser
Plätze haben ein Klohäuschen (gut
gegen die ganz vollgeschissenen Dünen,
die nicht mehr viel mit ungestörter Natur
zu tun haben) oder sogar Duschen. Listen dieser
Plätze gibt es in vielen Tourist Informationen
und im Buchhandel.
|