
Wo bitte gehts zum nächsten Känguru?
von
Tanja Schwarze
Einleitung
I Hamburg
I Sydney
I Woche
eins I
Unser Auto I
Heiße Hölle
I Campen(1)
I Campen(2)
I Die
Länge des Grases I
Woomera I
Campen (aber richtig) I
Jobs I
Unser
Dorf I
Endlich
was Giftiges I
Aber
das Giftigste I
Safe
to the Cross I
Erleuchtet (Tag 1) I
Barmaid
Woomera
Mai 2003
Wir
haben die Küste hinter uns gelassen, sind noch
einmal auf dem irre langen Jetty von St Germain sehnsüchtig
dem Wasser entgegen gelaufen, sind beinahe reingeblasen
worden, und haben uns dann endgültig der Wüste
ergeben. Dem Wind, dem Staub, der unbedingten Landschaft,
den schaurigschönen Schuppentieren darin und der
fernen Anziehungskraft des Uluru. Auf dem Weg dahin
erwarten wir nicht viele Anlässe zu halten. Wir
nehmen jeden Rastplatz mit, jedes Klo und jeden Huckel
am Straßenrand, der entfernt einem spannenden
Tier ähnelt. Einmal ist es eine totgefahrene Kuh,
dramatisch und kompakt liegt sie im Graben und reckt
die Beine in die Luft. Ich knipse sie von allen Seiten.
Je tiefer die Sonne sinkt über dem schnurgeraden,
einwandfreien Highway, desto mehr umnachten sich unsere
Sinne wegen der ganzen schöngefärbten Leere.
Das Städtchen Woomera kommt unverhofft.
Banool,
Boorook, Barree, Boorong, Burrimul, Borral, Booromi,
Boorri, Booreen, lese ich, wir fahren staunend unter
einem völlig unwüstenhaften Dach von Bäumen
durch, auf unglaublich sauberen, unglaublich verlassenen
Straßen. Was soll das, fragt V. So heißen
die Straßen hier, sage ich. Gibts nicht, sagt
V. So haben wir uns eine Stadt mitten in der Wüste
nicht vorgestellt. Wir fahren an einer Shoppingmall
vorbei, an einem Footballoval, einem Freibad, einer
Bibliothek. Sogar ein Kino gibt es, Vorstellungen samstags
um acht und sonntags um zwei. Alles wie neu, perfekt
gepflegt, kein Unkraut, kein Müll, kein Dreck.
In den Beeten stehen Palmen und blühende Büsche,
das Gras ist grün. Aber wo sind die Leute, fragt
V., ich schüttle den Kopf, ich weiß es auch
nicht. Niemand ist zu sehen, auf den Straßen nicht,
vor den Läden nicht, und das Wasser im Freibad
spiegelt bewegungslos den Himmel. Selbst die Wohnhäuser
sehen verlassen aus, in den Einfahrten stehen keine
Autos, in den Gärten liegt kein Spielzeug, Vorhänge
sind zugezogen, Fensterläden geschlossen. Es ist
gruselig, wirklich.
Was
ist hier los, fragen wir die Frau vom Campingplatz,
endlich eine menschliche Person, und noch dazu am Leben,
wir hatten schon fast nicht mehr damit gerechnet. Wieso,
fragt sie. Na, sagen wir, ist das eine Geisterstadt
oder was. Die Frau guckt auf ihren Stift, mit dem sie
unsere Namen plus Nummernschild aufgeschrieben hat.
Das Leben verläuft hier in Wellen, sagt sie, die
Leute kommen und gehen, jetzt gerade gehen sie, aber
das wird schon wieder, Woomera wird nicht sterben, irgendwas
hat sich noch immer ergeben. Das Detention Centre hat
dicht gemacht, sagt sie noch, kurz vor Ostern, wusstet
ihr das nicht. Woomera, Wüste, Detention Centre...
etwa das australische Auffanglager für ungewollte
Einwanderer? Die Boatpeople?! Es klickert in unseren
Köpfen. Stacheldraht, Baracken, Hungerstreiks...
warum haben wir nicht schon früher daran gedacht?
Woomera ist eine Stadt voll von Geschichte, sagt die
Campingfrau.
Am
nächsten Morgen stürmen wir das Heritagemuseum.
Woomera gibt es seit 1947, lernen wir, und lange Zeit
drehte sich hier alles um Raketen. Amerikaner und Briten
feuerten zusammen Blechzeug in die Wüstenluft,
versuchsweise und top secret, um eines Tages ihre Atombomben
möglichst punktgenau abliefern zu können.
Sie gingen so weit, irgendwo an der Westküste,
2000 km entfernt, ein Zielstädtchen zu errichten.
Ein knatschender alter Schwarzweißfilm zeigt uns
- und das ist fast rührend anzuschauen - wie die
Angestellten dort lieber auf ihren Bunkern stehen, satt
sich darin zu verkriechen, und jubelnd und auf Zehenspitzen
die Ankunft der Rakete (diesmal noch ohne Atomsprengkopf)
erwarten. Es muss ein aufregendes Leben gewesen sein,
damals in Woomera, eine kleine Gruppe von Forschern
und Verteidigungspersonal, mitten in der Wüste,
abgeschirmt vom Rest der Welt durch militärische
Zäune und ein Schweigegebot, hochbezahlt und mit
einer Mission. Schon bald zog die Männerkolonie
potentielle Ehefrauen an, Kinder wurden gezeugt, Strick-
und Kochclubs gegründet, eine Theatergruppe, eine
Lokalzeitung. Alte Ausgaben des „Gibber Gabber“
zeigen Fotos von Sonntagspicknicks im Park, strahlenden
Händeschüttlern vor soeben eröffneten
Einrichtungen, Haufen von Kindern auf ausrangiertem
Forschungsmaterial. In den sechziger Jahren war die
Geburtenrate in Woomera höher als irgendwo sonst
im Land, gut 7000 Einwohner tummelten sich in der Gemeinde.
Der
erste Einbruch kam 1971 mit dem Rückzug der Briten
aus dem Atomprogramm, die Bevölkerung verschwand
mit den Arbeitsstellen. Doch immer wieder ließ
sich jemand etwas Neues einfallen für Woomera:
Satelliten wurden von hier aus ins All geschossen, Japaner
arbeiteten am Folgemodell der Concorde, Russen wurden
zugelassen, um „peaceful use of rockets“
zu pflegen, und schließlich das Detention Centre.
V. und ich fahren die paar Kilometer zu seinen Toren,
wenn es zugemacht hat, so finden wir, dann können
wir ebensogut auch mal einen Abstecher riskieren.
Die
Tore stehen auf, das Schild „No Entry“ ignorieren
wir. Wir kommen gerade weit genug, um einen entsetzten
Blick auf die Barackenreihen zu werfen, bessere Wellblechhütten
in der gnadenlosen Wüstensonne, drumherum eine
Todeszone aus meterhohen Zäunen und Stacheldraht,
durchsetzt mit Flutlichtmasten. Wenn die Hütten
nicht bunt angemalt wären, wir könnten vor
einem vergessenen Konzentrationslager stehen. Dann werden
wir rausgeschmissen. Kann ich Ihnen helfen, bölkt
ein uniformierter Mensch aus seinem Fahrzeug heraus,
wo ist der denn so schnell hergekommen? Als freundliches
Angebot ist das wohl eher nicht zu verstehen. Auf dem
Sitz neben ihm liegt ein fettes Schießding. Er
eskortiert uns noch bis zum Tor, dann schließt
er es hinter uns ab.
Wir
fahren zurück in die Stadt. Die ganze geisterhafte
Ordnung kommt uns nun beinahe bedrohlich vor. Das Schwimmbad
ist nicht verlassen, sondern geschlossen, die Bibiliothek
ist dunkel, an mehreren Läden hängen Schilder:
For Sale. Höchstens 300 Einwohner sind im Moment
noch übrig, wahrscheinlich weniger. 150, hat die
Frau am Campingplatz geschätzt. Schaudernd denken
wir an das nette Mädel an der Museumskasse, ich
komme von einer Farm sechs Stunden südwestlich
von hier, hat sie uns strahlend erzählt, unsere
nächsten Nachbarn wohnen anderthalb Stunden entfernt,
für mich ist Woomera Großstadt. Der einzige
Laden, der noch auf hat, ist der Supermarkt. Wir versuchen,
ein Mittagessen zusammenzukaufen, doch die Regale sind
leer. In einem finde ich eine Tafel weiße Schokolade,
das Haltbarkeitsdatum ist um mehrere Monate überschritten.
Wir
verziehen uns mit unseren Vorräten in den Park,
ich denke an die fröhlichen Massenpicknicks, in
der Zeitung von 1965. Das ist lange her, wir sind allein.
Um den Park verläuft ein Zaun, dahinter ist die
Stadt zu Ende und sofort übernimmt die Wüste
wieder die Kontrolle, kein grüner Rasen mehr, keine
Palmen, nur noch Wind und Fläche, und verdorrte
Büsche, die sich festkrallen im Sand. Am Zaun stehen
Käfige, eine lange Reihe. Darin sitzen Vögel:
Kakadus, Regenbogenloris, Königspapageien. Alles
Vögel, die hier sowieso überall wild rumfliegen.
Diese hier sitzen auf Stangen und knabbern an ihren
Krallen. Ein gelbweißer Kakadu schleudert seinen
Kopf von links nach rechts und zurück, von rechts
nach links, immer in die Runde, achtförmig. Unter
ihm der Betonboden ist blitzsauber, kaum ein Schiß
ist darauf. Sein Körnernapf ist zum Überlaufen
voll. Als wir wieder auf dem Highway sind, V. und ich,
sind wir seltsam erleichtert.
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