
Wo bitte gehts zum nächsten Känguru?
von
Tanja Schwarze
Hamburg
I Sydney
I Woche
eins I
Unser Auto I
Heiße Hölle
I Campen(1)
I Campen(2)
I Die
Länge des Grases I
Woomera I
Campen (aber richtig) I
Jobs I
Unser
Dorf I
Endlich
was Giftiges I
Aber
das Giftigste I
Safe
to the Cross I
Erleuchtet (Tag 1) I
Barmaid
Sydney
Februar 2003
Wir
stehen mit unseren Koffern im Flughafen von Sydney und
staunen. So voll! So bunt! So sonnig! Wir kramen nach
unseren Sonnenbrillen. So viel strahlende Betriebsamkeit
blendet unsere flugzeugverkniffenen Augen. Wie ein Ferienclub
sieht das hier aus, mit Sandwichbars, Riesenwandfernseher
und Stoffkoalas überall. V. entdeckt einen Internetstand
mit vier Rechnern, kostenlos.
He, rufe ich hinter
ihm her, was willst du denn jetzt schon mit e-Mail,
wir haben doch noch gar nichts erlebt! Zu spät.
Glücklich haut er in die Tasten und schreibt Mama
und Papa und Oma und Opa und Arne und Kathrin, dass
wir angekommen sind. Und Claudia. Und Jasmina. Ich kauere
auf den Koffern und wünsche mich in ein Bett. Um
mich herum strömen lauter fröhliche, braun
gebrannte, unheimlich wache Sydneysider. So heißen
die hier ja wohl. Ich bin durchgeschwitzt und todmüde.
Wie überragend schlau von uns, dass wir eine Ferienwohnung
gemietet haben für die erste Woche und nicht sofort
in eins dieser Backpacker müssen. Nur wie kommen
wir da von hier aus hin? Bus? Bahn? Ich wäre ja
spontan für Taxi, aber schließlich reisen
wir low budget. Wenn V. nur endlich kommen würde
Spin...-
nein, Ameisen
In Australien lebt
die giftigste Spinne der Welt. In Australien gibt es
eine Schlange, deren Gift zweihundertundfünfzigtausend
Mäuse auf einmal töten könnte. In Australien
gibt es Quallen, an deren Gift man innerhalb von zwanzig
Minuten nach Berührung unter höllischen Schmerzen
verrecken kann. In Australien sind sogar die Raupen
giftig, Australien ist sozusagen das giftigste Land
der Erde. Ich konnte es nicht lange vor V. geheimhalten.
Jeder Reiseführer protzt mit diesen Daten, sogar
das „In-Flight Entertainment“-Heftchen der
Asiana hatte eine Warnabbildung der Sydney Funnel-Web.
Diese besonders furchtbare Spinne hat sich auf Wohnhäuser
in Sydney spezialisiert. Ich rechne es V. hoch an, dass
er trotzdem mitgekommen ist. Er hat eine Krabbel- und
Kreuchtierphobie. Er kriegt schon eine Gänsehaut,
wenn er im Zoo das Schild „Terrarium“ nur
von weitem erblickt.
Als wir in unserer
Ferienwohnung ankommen (Bus + Bahn + kurze Fußwanderung
mit zwei gigantisch schweren Koffern, schließlich
doch Taxi) schütteln wir die Decken aus, sehen
in die Kopfkissenbezüge, nehmen praktisch das ganze
Bett auseinander, bevor wir uns hinlegen. V. muss nochmal
aufs Klo. Ich höre ihn die Tür schließen,
das Licht anknipsen, dann brüllt er wie am Spieß.
Ich stehe senkrecht im Bett und trample die Laken zusammen,
was ist denn, was ist denn, schreie ich. V. kommt zurück,
kreidebleich. Ameisen, stammelt er, fiese Ameisen, zu
Tausenden, im Waschbecken, im Papierkorb, hinterm Klo,
überall. Wie groß, rufe ich, viel größer
als bei uns? Sehen sie giftig aus? Können sie fliegen?
Nein, sagt er etwas beleidigt, sie sind genau wie bei
uns, aber sie sind trotzdem eklig. Ich falle zurück
ins Kissen. Ameisen, seufze ich, ganz normale kleine
Ameisen. Erleichtert schlafe ich ein.
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