Sydney – ein Stadtbummel
„Kein Problem“ –
sympathisches Motto einer Millionenmetropole
„No worries,“
sagt der Mann an der Fähre freundlich, als ein
Passagier in letzter Sekunde auf den Fähranleger
sprintet und rückt nochmal den schmalen Steg zurecht,
der vom Anleger zum Boot reicht. „No worries“
oder „kein Problem“ meint auch der Zeitungsverkäufer,
als mir fünf Cent auf den vollen Preis des Sydney
Morning Heralds fehlen. Und lacht ebenfalls.
Es ist angenehm warm, bestimmt über
20 Grad und das im Winter. Das Wasser glitzert im Sonnenschein,
Geschäfte verkaufen schon jetzt bunte Sonnenhüte
und Sonnencreme. Vielleicht ist das fast permanent schöne
Wetter einer der Gründe für die positive Haltung
der Australier...
Denn
Aussies nehmen das Leben leichter. Ihr Lebensmotto ist
fröhlicher und gelassener als das so vieler Europäer.
Ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit
ist auf dem fünften Kontinent essentiell. Selbst
in der Millionenmetropole Sydney gehen die Uhren langsamer
- ein Bier nach der Arbeit, eine schnelle Latte (Milchkaffee)
im Sonnenschein oder ein Lunch am Wasser gehören
zum Lebensgefühl dazu.
Ein buntes Gemisch an Hautfarben, japanischen
Sushibars und europäischen Coffeeshops –
ein buntes Gemisch an Kulturen und Menschen, das ist
es, was den Flair Sydneys ausmacht. Sydney, für
viele die heimliche Hauptstadt Australiens, hat sich
mit ihren heute vier Millionen Einwohnern zu einer der
bedeutenden internationalen Großstädte gemausert.
Von der Strafkolonie des britischen Imperiums zu einem
der wirtschaftlichen und finanziellen Zentren des asiatisch-pazifischen
Raumes.
Die Gegensätze könnten nicht
größer sein: von düsteren Industrievororten
im Westen zu blühenden viktorianischen Vierteln
am unübertroffenen Hafen der Stadt. Von suspekten
Rotlichtgegenden zu fröhlichen Strandvororten nur
20 Minuten von der Innenstadt entfernt...
Die einfachste und schönste Weise
Sydney zu erkunden, sind für mich die nostalgisch
anmutenden Fähren, die am Circular Quay zwischen
Opernhaus und Harbour Bridge abfahren. Majestätisch
gleiten sie zwischen den Ikonen Sydneys hindurch und
bringen mich zum hippen Badevorort Manly, zum weltberühmten
Taronga Zoo, zu der schroffen Klippenlandschaft der
Watson Bay oder den schicken Vororten Rose Bay und Mosman.
Die Innenstadt selbst kann jedoch trotz
der Größe der Stadt gemütlich zu Fuß
erkundet werden. Einer meiner Streifzüge führt
mich durch das alte historische Viertel. The Rocks sind
die erste städtische Ansiedlung Australiens und
damit der Ursprung der Kolonisierung. Heute sind in
den einstigen von Sträflingen erbauten Lager- und
Verwaltungshäusern über 70 Restaurants, Kneipen
und Cafes.
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Von den Rocks aus geniesse ich dann einen
herrlichen Blick auf die Oper Sydney’s - eines
der berühmtesten und meist fotographiertesten Bauwerke
der Neuzeit.
Ihr Architekt Jørn Utzon hat 2003 den wichtigsten
Architekturpreis, den Pritzker Preis, dafür gewonnen.
Doch seine Ideen kamen nicht von Anfang an gut an. Kritiker
hatten den Bau einst als „Gruppe französischer
Nonnen beim Fußballspiel“ bezeichnet und
Utzon selbst war bei der offiziellen Eröffnung
vor etwas mehr als 30 Jahren gar nicht mehr dabei. Er
hatte schon einige Zeit vor Vollendung der Oper - hauptsächlich
wegen finanzieller Streitigkeiten - das Handtuch geworfen
und Australien den Rücken zugekehrt…
Ich folge den verwinkelten Gassen der
Rocks in Richtung Harbour Bridge und werde durch überraschende
Einblicke in das mächtige Stahlkoloss der Brücke
belohnt. Die Harbour Bridge ist eines der gigantischsten
Bauwerke der Neuzeit. Sie ist die größte
(wenn auch nicht die längste) Stahlbogen-Brücke
der Erde. 70 Jahre alt, doch „kein bißchen
müde“, denn die Brücke wird heute mehr
denn je beansprucht. Ursprünglich war sie für
6000 Pkws pro Stunde gebaut, heute sind es zu Spitzenzeiten
oft mehr als 15000.
Täglich wird an der Instandhaltung der Harbour
Bridge gearbeitet. Hauptarbeit ist dabei das Streichen
der Brücke – die Arbeiter hängen dabei
oft in schwindelnder Höhe. Ein Gesamtanstrich dauert
zehn Jahre. Danach geht’s wieder von vorne los.
Die Fläche, die gestrichen werden muss, entspricht
umgerechnet 60 Sportplätzen. Für einen Anstrich
braucht man 80000 Liter Farbe. Ein teurer Spass, der
zusammen mit den anderen Kosten zum Erhalt der Brücke,
fünf Millionen australische Dollar kostet. Ein
Grund, warum das Überqueren der Brücke in
Richtung Innenstadt 3 $ pro Auto kostet.
Und
ganz nebenbei arbeitet die Brücke übrigens
auch noch als Besuchermagnet: es gibt ein Museum, einen
Aussichtpunkt und den berühmten, dreistündigen
Bridge Climb, bei dem man mit den gleichen Sicherheitsgurten
gesichert wird, die auch die Arbeiter tragen, die die
Brücke in Stand halten. Einer dieser Brückenarbeiter
war übrigens einst Paul Hogan, der später
dann als Crocodile Dundee berühmt geworden ist.
Die Sydneysider haben eine ganz spezielle Beziehung
zu “ihrer Brücke“ und das Klischee
aus dem Reiseführer stimmt wirklich, wie mir sämtliche
meiner australischen Bekannten bestätigen: Einer
der jenseits der Brücke wohnt, würde niemals
auf die andere Hafenseite ziehen und andersrum!
Direkt hinter der Harbour Bridge und
den historischen Gebäuden der Rocks türmen
sich die eindrucksvollen Glas- und Stahlfassaden der
Skyline – um schließlich auf der gegenüberliegenden
Seite (der Seite der Oper) von den riesigen Grünflächen
des Botanischen Gartens abgelöst zu werden. Hier
steht nicht nur – fast unauffällig und sicher
eingezäunt – ein Exemplar der botanischen
Sensation des 20. Jahrhunderts: die für ausgestorben
gehaltene Wollemi Pine, der Dinosaurier unten den Pflanzen,
die man 1994 in einem Nationalpark in der Nähe
Sydneys wiederentdeckt hatte. Hier tummelt sich auch
ein reges Wildlife aus Papageien, Kakadus, riesenhaften
Flughunden und Possums – die vor allem in der
Dämmerung zum Leben erwachen.
Auf der berühmten Macquarie Street,
die wie so vieles andere (Australier haben eine Vorliebe
dafür, Namen mehrmals zu vergeben) nach dem ersten
Gouverneur der Stadt Lachlan Macquarie benannt wurde,
gelange ich zum Parlament, zu den Hyde Park Barracks
(heute ein Museum für Sozialgeschichte) und in
der Verlängerung der Straße zur St. Marys
Cathedrale und dem Australian Museum. Wer dann noch
Puste besitzt, kann eines der hervorragenden Museen
besuchen oder in den geschäftigen Einkaufsstraßen
George, Oxford oder Pitt Street bummeln gehen. Oder
aber auch im nahen Hyde Park verschnaufen...
Ich
entscheide mich für einen Stopp auf eine Latte
und einen der berühmten Cookies im Queen Victoria
Building, einer edlen Einkaufspassage direkt neben dem
Rathaus und der St. Andrews Kathedrale.
Östlicher Flair aber auch schon die ersten suspekten
Gassen rund um den Hauptbahnhof erwarten mich schließlich
in Chinatown. Hier gibt es raffiniert zubereitetes Seafood,
das berühmte Yam Cha (ein chinesischer Brunch)
und auch vieles, worüber die europäische Kultur
oft entsetzt den Kopf schüttelt, wie zu Pulver
zerstampfte Seepferdchen oder Haifischflossen...
Wer letztere also lieber lebend sieht,
der sollte einen Abstecher zum Darling Harbour machen
und das Aquarium besuchen, das zusammen mit Museen,
Veranstaltungszentren, dem chinesischen Garten der Freundschaft
und unzähligen Restaurants und Cafes das einst
recht schmuddelige Hafenviertel hat aufblühen lassen.
Im Aquarium angekommen, bestaune ich
furchteinflößende Haie, verspielte Seehunde
und das australische Schnabeltier, eines der beiden
eierlegenden Säugetiere der Erde (das andere ist
der australische Schnabeligel). Die gut abgestimmte,
leise Musik, die hier im Aquarium die Nachbildung des
Great Barrier Reefs umgibt, löst auch in mir eine
relaxte Stimmung aus und als mich ein anderer Besucher
bittet, ein Foto von ihm zu schiessen, sage auch ich
lachend: „No worries.“
Text: © Barbara Barkhausen