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Aucklands wilder Westen

Waitakere Ranges, Wandern in Neuseelands Busch

Neuseeland ist das Land, in dem man die einzigartige Tierwelt und Naturidylle zu Fuß erkunden muss. Selbst wenn man, so wie ich, in Auckland, der größten Stadt Neuseelands, wohnt, ist die Wildnis nicht weit. In nur 30 Minuten Autofahrt ist man mitten im typischen Buschland Aotearoas, fern ab jeglicher Zivilisation und umgeben vom Schwirren der Waldtauben, Zirpen der Grillen und dem Rauschen der Flüsse und Wasserfälle. Die Waitakere Ranges gehören zu Aucklands zwei größten ursprünglichen Waldgebieten in der Region und bieten insgesamt mehr als 250 Kilometer befestigte Wanderwege für jedermann.

Den ersten Stopp sollten Besucher im Arataki Visitor Center einlegen (über Titirangi am Kreisverkehr in der zweiten Abfahrt auf den Scenic Drive fahren und dem Straßenverlauf für ca. 10 Minuten folgen – das Gebäude befindet sich auf der linken Seite – gut beschildert.) Das Infocenter alleine ist schon einen Ausflug wert. An kunstvoll geschnitzten Maorikriegern vorbei führt ein auf Holzpanelen gebauter Weg nach oben ins Hauptgebäude, das vom D.O.C., dem Departement of Conservation der Regierung unterhalten wird. Hier bekommt man jede Menge visuelle Eindrücke und Infomaterial als Broschüren oder per Video über eine Leinwand, was die Waitakere Ranges alles zu bieten haben, wie die Wetterverhältnisse sind und in welchem Zustand sich die Wanderrouten befinden. Ein kleiner Souvenirshop, eine Lernecke für die Kids und eine Infotheke laden zum Aufenthalt ein. Kostenlos, wie so oft im Land der langen weißen Wolke, gibt es sehr gutes kostenloses Kartenmaterial für Wandertracks und Sehenswürdigkeiten in der Region. Ich hole mir eine „Map“ und studiere die verschiedenen Wegbeschreibungen. Auf dem Weg zurück zum Auto sehe ich erst, was ich vor lauter Euphorie über die Kunst des Gebäudes völlig übersehen habe – den Ausblick. Und der ist absolut unschlagbar und raubt mir bei jedem Besuch aufs neue den Atem. Was von der Straße aus überhaupt nicht zu vermuten war, ist ein 180 Grad Rundblick auf die über 16.000 Hektar großen Waitakere Ranges, eine hügelige Kette von bewachsenen Wäldern, die in den verschiedensten Grüntönen leuchten. Eine für Neuseeland typische Mischung aus Farn-, Laub- und Nadelwäldern und der Blick auf die verschiedenen Buchten und Häfen von Auckland verzaubern jeden Besucher und lassen mich für einen Moment inne halten. Hier fühle ich mich ein bisschen wie ein Adler, der hoch oben in den Lüften die Gegend erkundet - frei und ohne Sorgen.

Die Wahl, welchen Track ich laufe, fiel mir am Anfang schwer aber die zahlreichen Wanderrouten sind nach ihrer Länge und Dauer der Trips sortiert. Für jeden Fitnessgrad und Zeitrahmen ist etwas dabei.


Mein absoluter Lieblingswalk ist inzwischen der Fairy Falls Track. Dieser gut ausgeschilderte Weg ist 5,7 Kilometer lang und dauert etwa drei Stunden. Ich bevorzuge generell Rundwege, um nicht eine Route doppelt laufen zu müssen und möglichst viele verschiedene Areale erkunden zu können. Hier wurde ich kein bisschen enttäuscht.
Die Route startet etwa 15 weitere Fahrminuten vom Visitorscenter entfernt und ist sehr gut beschildert. Es gibt zwei verschiedene Einstiege in den Pfad, je nachdem ob man den Weg zu den Falls hoch oder hinunter laufen möchte. Der Abstieg zu den Falls ist gigantisch. Umgeben von dichtem Buschwerk beginne ich meinen Trip. Staunend sehe ich mir jeden Baum an, die fremdartigen Blätter und lausche dem unbekannten Gesang der Vögel. Ein merkwürdiges Flattern in den Wipfeln der Bäume unterbricht das Rauschen des nahenden Wasserfalls. Ein turtelndes Waldtaubenpärchen huscht von Ast zu Ast. „Wunderschöne Tiere - und so ganz anders als unsere fast schon zur Pest gewordenen Stadttauben“, denke ich und marschiere weiter. Der Weg ist oft mit Holzpanelen befestigt und obwohl es die Tage vorher geregnet hat nicht rutschig. Auf den Holzlatten haben die fleißigen Ranger ganz dünne Drahtgitter befestigt, die jeden Schritt sichern. Oft sieht der verwunschene Wald aus wie ein Weg durch eine Fünf-Sterne-Hotelanlage. Malerisch säumen Nikau-Palmen den Pfad und Silberfarn-Bäume bilden ein luftiges Blätterdach. Beide Pflanzen sind für Neuseelands Wälder typisch. Ganz plötzlich geht der Weg steil bergab und ich bin heilfroh, dass ich die Route nicht anders herum gewählt habe.

Direkt an den Vorstufen des Wasserfalls steht ein riesiger Kauribaum, der neuseeländische Urwaldriese. Dieses ganz besondere Gehölz ist der Urvater aller Bäume in der Maorilegende und litt sehr unter den Abholzungen im letzten Jahrhundert. Was dieses gigantische Exemplar wohl schon alles gesehen und welche Stürme es überlebt hat? Angekommen am Fluss, der hier bereits über kleine Stufen plätschert, bevor er in die Tiefe stürzt, mache ich ein kleines Picknick völlig eingehüllt in Neuseelands Naturidylle und das Rauschen des Wasser. Die Sonne scheint sanft durch die Baumspitzen auf meine Haut, feinste Gischttröpfchen benebeln die Luft. Nach einer viertel Stunde mache ich mich wieder auf die Socken. Der Track windet sich jetzt steil und schmal bergab zum Fuß der eigentlichen Falls, die etwa 15 Meter hoch sind. Nicht unbedingt Neuseelands größter Wasserfall aber für eine Flucht aus der Großstadt perfekt. Mich beeindruckt jedes Mal wieder die Naturgewalt, die hinter den Wassermassen steckt und was sie alles formt und verändert. Gut, dass ich meine Wanderstiefel anhabe, denn hier ist es richtig rutschig. Ich muss am Fuß des Wasserfalls den Bach queren und über glitschige Felsen balancieren. Trocken am anderen Ufer angekommen, mache ich mich auf den Rückweg. „Beeindruckend, welche Vielfalt an Pflanzen und Tieren der Urwald hervorbringt“ staune ich. Besonders gigantisch finde ich das Flechtwerk aus Farnen, Palmen, Luftwurzeln und Schlingpflanzen, die sich die Baumstämme hinaufschlängeln. Oft muss ich genau hingucken, um zu sehen, welches nun der eigentliche Baum ist, wenn noch fünf weitere Pflanzen Stamm und Äste besiedeln. Ich komme an einen alten umgefallenen Baumstamm, der quer über den Weg liegt. Ranger haben einfach eine Stufe hinein gesägt. Ich klettere darüber und denke: „Das ist mal wieder typisch Neuseeland - unkompliziert und unbürokratisch ein Problem lösen.“ Dann laufe ich schmunzelnd weiter. Ein Lied pfeifend steige ich den Weg hinauf, bis mir die Puste ausgeht und ich etwas keuchend in einen schleppenden Schritt verfalle. Der Aufstieg ist jedoch lange nicht so steil wie der Abstieg.

Als Highlight zum Schluss öffnet sich plötzlich das dichte Buschwerk und gibt einen gigantischen Blick auf Aucklands Skyline frei. „Wow“ flüstere ich still und mache mich dann wehmütig auf den Weg zurück - in genau diese Zivilisation.

Anja Schönborn ist Anfang 2006 mit Mann und Zwillingen nach Auckland ausgewandert. Sie ist Print- und TV-Journalistin und berichtet exklusiv für die InfobahnAustralia aus Neuseeland.