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Cape York Peninsula, Queensland

Rote Erde, grüne Ameisen und urwüchsige Natur

Sonja Goernitz ist für die Infobahn Australia mit der Wilderness Society und Wilderness Challenge zur Nordostspitze Australiens gereist. In einer dreiteiligen Serie stellt sie uns die Halbinsel vor, die bisher nicht zur Standardroute eines Australienreisenden gehörte. In Teil Drei trifft sie auf eine Fauna und Flora, die der Sydneysiderin bis dato unbekannt waren.

Am Anfang gab uns unser Tour Guide Tom den Tipp, sich locker in den Sitz rutschen zu lassen und mit der Bewegung des Busses mitzugehen. Die Gurte hielten uns ja fest. Wir reisen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 90 km/h auf den Straßen. Wo wir über rauere Straßen fegen, beruhigen uns Toms Worte: „Ihr könnt spüren, wie die Stoßdämpfer arbeiten“, genauso wie seine sanfte Stimme – er erzählt uns eine Traumzeit-Geschichte vom Emu und vom Kasuar übers Mikrofon – wie ein Pilot bei Turbulenzen, dessen Art zeigt: alles unter Kontrolle.

Dann ändert sich die Vegetation plötzlich abrupt. Mal Savanne, mal Regenwald, mal alles abgebrannt. Feuer war uns schon vom Flughafen in Weipa bekannt, einem Minenort an der Nordostküste der Halbinsel, wo Passagiere ihr Gepäck von einem Wagen - wie bei der Post - abholen. In der Ferne, auf der anderen Straßenseite, loderte es an zwei Stellen unterm Halbmond. Es schien keinen zu stören.

Vielleicht damit wir uns heimischer fühlen, ist unser erster Reise-Stopp der Bottle Shop. Im Neonlicht, wie auf einer Tankstelle, versorgen wir uns. Eine Box mit 30 Dosen Bier kostet rund 51 Dollar (circa 32 Euro), ein 2-Liter-Karton Wein (Flaschen sind nicht erlaubt) 20 Dollar, somit doppelt so viel wie im „Bottle-o“, wie die Australier sagen, neben einem Supermarkt in Sydney.
In den nördlichen Regionen ist die Alkoholmitnahme auf neun Liter leichtes oder mittelstarkes Bier oder zwei Liter Wein (keine Portweine) pro Fahrzeug begrenzt. In bestimmten Gegenden, wie im Kannju Land (470.000ha), sind Alkohol und Drogen ganz verboten.


Am Morgen tankt Tom 148 Liter Diesel für 245 Dollar in Bamaga, dem Ort im Norden mit Flugplatz. In unser Woche in Cape York fahren wir 2.200 Kilometer: von Weipa zum Lockhart River im Osten, zum „Tip“ (dem nördlichsten Punkt Australiens) hoch und dann zurück nach Cairns. Cape York ist dreimal so groß wie Belgien und die Straße vom Tip im Norden bis nach Cairns im Süden ist etwa 960 Kilometer lang. Das sind 30 Kilometer mehr als von Flensburg nach München auf der deutschen Autobahn. Tom sagt, seine Gedanken wandern beim Fahren nicht ab, denn er müsse sich auf die Straße konzentrieren. Am Ende des Tages, wenn die Zelte stehen und das Essen gekocht, der Abwasch getan ist, genießt Tom ein Bier am Fluss. Krokodile sind hier weit verbreitet. Es hängt von der Saison ab und dem schwankenden Wasserstand der Flüsse, wo sich die „Crocs“ am wohlsten fühlen. Am Wenlock River hängt ein handgeschriebenes Schild hoch oben am Baum: „Wir waren im Boot hier – 14. März 2003 – 14,6 Meter“. Schilder mit Worten auf Englisch, Deutsch und Chinesisch und Symbolen für „Nicht Schwimmen“ und einem Krokodil mit offener Schnauze warnen an den Flüssen.

Erstaunlicherweise schlafen wir nahe am Wasser beim Loyalty Beach, obwohl Ratgeber auf einen Sicherheitsabstand von 50 Metern zum Ufer hinweisen. Einen Abend gehen wir beim Mutee Head, einer Halbinsel im Norden bei Torres Strait (voller Haie) spazieren, wo Krokodile ihre Spuren hinterließen. Dort suchen wir mit unseren Taschenlampen und einem Scheinwerfer, der mit einer Autobatterie betrieben wird, die Dünen ab, um die großen Flachrückenschildkröten zu sehen, die in diesen Wochen ihre Eier legen. Ihre Abdrücke sind wie die schwerer Reifen – oder gar Panzerketten – am Strand, manchmal im Kreis gehend. Am Wasser rennen Krabben wie Komiker seitwärts. Dann sehen wir sie: etwa 50 Meter abseits der Wellen baut ein etwa ein Meter großes, schweres Weibchen ihr Nest. Sie schaufelt langsam, aber effektiv den Sand mit den Hinterflossen (immer abwechselnd rechts und links) unter sich weg, nachdem sie mit den Vorderflossen – wie beim „Engel“ im Schnee – Sand um sich herum zu den Seiten weg geschoben hat.

Soviel Wildnis schärft die Sinne. Nach dem Mittagessen am Campingtisch mit Blumentischdecke entdecken wir zwei Hornissen, die sich auf einem Baumstamm paarten, dann zusammen davonflogen. Tom zeigt mir am Fuße des einst vulkanischen Mt Tozer (543 Meter), wie man Nektar aus den Blüten vom Golden Parrot Tree saugt: er greift sanft nach dem Zweig mit der Blüte, schaut, ob sie saftig ist und zieht ihn dann weiter runter, damit man die ganze Blüte in den Mund nehmen kann, um daran zu saugen. Schmeckt süß, etwas Saft kommt – eine kleine Erfrischung im Busch. Dort zeigt Tom der Gruppe auch, wie man grüne Ameisen isst, hält seinen Finger an das grüne Nest am Baum (so groß wie ein kleiner Rugby-Ball); die schlanken Ameisen laufen ihm auf die Hand und er habst sie einfach auf. Mir ist das zu viel, aber andere wagen es.

Später pflückt Tom etwas vom Grass Tree ab und wir kauen auf den grünen Holmen rum.
Er zeigt uns, wie man aus dem gebröselten Blood Wood (einer Eukalyptus-Sorte) mit etwas frischem Wasser erst Seife und – mit etwas mehr Wasser – Creme macht, wodurch die Haut sanft wird. Dann nimmt er die Blätter vom Seifenbusch (Soap Bush) und etwas Wasser, was auch den reinigenden Effekt hat. Und er zeigt uns, wie man einen Ast als Speer (ähnlich wie bei der Leichtathletik, nur dass man den Speer zuletzt mit der Spitze des Zeigefingers berührt) und ein Lasso über einen Pfahl wirft.

85 Prozent der Tiere hier seien nachtaktiv, sagt Tom. Das erklärt, warum wir so wenige sehen. Dann wiederum ist unsere Liste recht lang: wilde Pferde (sie galoppierten vor dem Bus), einen Jabiru (der wie ein Flugsaurier daherkommt) und schwarze Kakadus flogen als Pärchen im blauen Himmel; wir sahen ein Frischwasserkrokodil im Teich und ein Salzwasserkrokodil am Strand, einen Buschtruthahn, der die Straße überquerte, einen Blue Tongue Lizard, der dasselbe tat, einen Dingo auf einem Felsen, fühlten die Yabbie-Krabben beim Baden an unseren Körpern knabbern, sahen dicke Queenfish aus dem Wasser springen und fliegende Fische über die Oberfläche ditschen. Ameisen liefen übers Zelt, Fliegen hafteten besonders an weißen Hemden, Käfer und Hüpfer erschreckten uns nach zwei bis drei Tagen nicht mehr. Termiten bauten Türme: mal wie halbhohe Grabsteine, dann wie einzelne „Buddhas“ im Wald, die bequem an Bäume gelehnt sitzen, oder auch wie Minimetropolen mit über sechs Meter hohen „Wolkenkratzern“, die verteilt in der Savanne stehen. Aber wir sahen keinen Cuscus – ein besonderes weißes, affenartiges, wuscheliges Tier, das im Baum lebt, das es nur hier gibt, und in Papua Neuguinea.

Es war an unserem ersten Abend nach dem herzhaften Beef Stroganoff, als Tom uns eine Cane Toad zeigte. Diese Kröten sind eine Plage und schaden der Natur, wissen wir, aber es gab uns doch einen inneren Ruck, den „Klatsch!“ zu hören. Eine Methode, das Tier zu töten, ist, es mit Wucht hinzuschmeißen. Dann kommen die Innereien durchs Maul heraus.

Bei den Elliot Falls taucht Tom tief und holt zwei große Steine (vielleicht je fünf Kilo) hoch. Er bietet uns an, damit zu schwimmen, um zu sehen, ob wir uns oben halten können. Ich versuch’s, schnappe nach Luft, lasse los. Der Stein sinkt und Tom taucht wieder – "Naturetainment". Er springt mit Saltos ins Wasser, krault in die sprudelnde Strömung zu einigen der flachen Wasserfällen, die dann in einer Felsspalte von drei Seiten auf ihn herunterprasseln; dann sitzt er wie auf einem Sofa auf einem Felsvorsprung, der hell schimmert und das Wasser darüber türkis aussehen lässt. Nachts leuchten die Sterne über uns, wir laufen durch den Wald und ich denke: nun verstehe ich, was der Aborigine David Claudie, bei dem wir zelteten, ganz am Anfang meinte. Das Land leitet. Das Land…

Info Cape York Peninsula:

Die Halbinsel ist ganz im Nordosten des Landes, etwas südlich von Cairns aus erstreckt sie sich über 750 Kilometer bis in die Nordspitze des Kontinents. Die Coral Sea liegt im Osten der Halbinsel, Torres Strait ist im Norden und der Gulf of Carpentaria im Westen. Etliche Touranbieter haben die naturbelassene Halbinsel fern der Zivilisation in ihr Programm aufgenommen. Selbstverständlich kann man auch auf eigene Faust von Cairns aus reisen - dann empfiehlt sich aber eine gute Planung und ein Geländewagen. Es werden auch Flüge nach Weipa oder Horn Island (in der Nähe von Thursday Island) angeboten. Für Reisende auf eigene Faust - die wichtigsten Ortsnamen mit Motels und etwas Zivilisation heißen: Laura, Coen, Weipa, Bamaga und Cooktown.

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Hier geht es zu Teil 1 der Serie über Cape York - David Claudie kämpft für die Rechte der Aborigines

Hier geht es zu Teil 2 der Serie über Cape York - die größte Bauxitmine der Welt

Kontakt zur Autorin

sonja@sonjastagebuch.com. Mehr Info: www.sonjastagebuch.com.

Foto Credit und Text: Sonja Goernitz und Tourism Australia