Die größte Bauxit-Mine
der Welt: Realitätscheck in der Wildnis...
Sonja Goernitz ist für die
Infobahn Australia mit der Wilderness Society und
Wilderness Challenge zur Nordostspitze Australiens
gereist. In einer dreiteiligen Serie stellt sie uns
die Halbinsel vor, die bisher nicht zur Standardroute
eines Australienreisenden gehörte. In Teil Zwei
besucht sie zusammen mit Kollegen die größte
Bauxitmine der Welt, die die Firma Rio Tinto dort
betreibt.
Es sei schwierig, mit den Mitarbeitern
von Rio Tinto in Kontakt zu kommen, sagt Journalist
Rudolf Hermann, der das Treffen organisiert hatte.
Und dann findet er sie erstaunlich offen, als wir
mit ihnen sprechen. Rio Tinto erlaubte es australischen
und internationalen Journalisten, sich in ihrer Bauxit-Mine
umzusehen. Sie fahren uns in einem Bus über das
Gelände. Wir dürfen nicht aussteigen –
aus Sicherheitsgründen, aber Fotos aus den Fenstern
machen.
Sie zeigen uns regenerierte Wälder, die seit
Jahren auf dem Boden wachsen, der gerodet wurde, um
an das Bauxit heranzukommen. Es ist ein Rohstoff,
der wie lauter rohe, rote Erbsen aussieht, recht leicht
ist und bei dessen Förderung die Bagger viel
Staub aufwirbeln.
Die Kabinen der Fahrer sind versiegelt.
Nachts ist das Gelände gut beleuchtet. Sie arbeiten
24/7, also rund um die Uhr, sieben Tage die Woche.
Nur wenn die Sicht auf weniger als 200 Meter sinkt
oder es zu windig wird, dann machen sie Halt. Das
ist bei sehr starkem Regen oder Rauch oder Zyklonen.
Rio Tinto schaufelt seit 40 Jahren Erde in Weipa,
einem Ort mit einem Flughafen, wo Passagiere ihr Gepäck
von Schiebewagen, wie bei der Post, abholt. Auf der
anderen Straßenseite lodern zwei Feuer in der
Ferne unter dem Halbmond. Das scheint keinen zu stören.
Wir passieren einen Supermarkt, halten an einem Laden
für Alkohol, der wie eine Tankstelle aussieht,
und hören von einer Kneipe. Die Minenmanager
planen, weitere 40 Jahre hier zu bleiben.
800
Vollzeitstellen schafft Rio Tinto. Darunter sind 18
Prozent Aborigines. Zudem erscheint der Frauenanteil
mit 20 Prozent für eine Mine hoch. Der erste
Satz in einer Rio Tinto Broschüre ist: „Angestellte
arbeiteten mehr als zwei Millionen Stunden in 2006“.
Neben Arbeitsplätzen bietet die Firma den Strom
für die Einwohner der Kleinstadt, die eine Schule
für gut 800 Kinder hat. Die Zahl der Kinder wird
bald 1000 erreichen. Trotz Wassersparmassnahmen in
anderen Teilen Australiens wird hier auch mittags
der Rasen gesprengt. Ein Gefühl des Überflusses
liegt in der Luft. Das Gehalt eines Baggerfahrers,
oder „Operator“, wie sie die Position
nennen, beträgt rund AUD 50.000 im Jahr (ca.
€2.600 brutto im Monat). Dazu kommen Zuschläge
fürs Leben in der abgelegenen Gegend, den Schichtdienst,
es gibt eine Wohnzulage und Flüge in andere Städte.
Als Gesamtpaket steigt das Gehalt so auf das Doppelte
und entspricht damit dem Einkommen eines IT-Experten
in Sydney mit Top-Managementfähigkeiten. „Ja,
sie bezahlen nicht schlecht“, sagt Zara Fisher
von Rio Tinto, die gern in der Mine arbeitet und diplomatisch
die Fragen der Journalisten beantwortet. Sie habe
sich in der Männerdomäne behauptet (man
dürfe nur keine Schwäche zeigen, dann werde
man als Frau hingestellt); es sei ein guter Job, da
man auch viel rumkomme. Sie ist verheiratet, denkt
daran, Kinder zu bekommen, hat einen Hund als Haustier
und sagt, eine der Herausforderungen sei es hier oben,
Gemüse zu bekommen, denn wenn die Lieferung den
Supermarkt erreiche, dann sei es nachmittags schon
ausverkauft, sagt sie. Sie versuchen es, selbst Sachen
anzubauen, scheiterten meist wegen des Wetters, aber
ihre Tante pflanzt Kürbisse an. Die wachsen gut
– verkaufen sich sogar. Im klimatisierten Seminarraum
des Gemeindehauses spricht Rob Atkinson, General Manager
von Rio Tinto, ein junger Mann in Minen-Mode mit uns
Journalisten. Wir essen Sandwichs und stellen Fragen.
Rob erklärt, dass sie es Aboriginal Mitarbeitern
beibringen wollen, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen
und dass Nachtarbeit normal sei. Viele Aborigines
jedoch fürchten die Dunkelheit und einige seien
fest davon überzeugt, dann seien Geister am Wassertank,
sagt Rob. Rio Tintos Ansatz sei es, alle Mitarbeiter
gleichförmig in den 24/7-Arbeitsrhythmus (vier
Tage/drei Nächte arbeiten und vier Tage/drei
Nächte frei) zu integrieren. Dabei arbeiteten
sie im Vier-Schichten-Takt.
Jedes Jahr fördert Rio Tinto 18 Millionen Tonnen
„trockenes Produkt“, wie es im Jargon
heißt. „Das ist eine Menge Erde“,
sagt Zara. Sie greifen die Erde mit Baggern, laden
sie auf Laster, bringen das Material durch die Fabrik
(lauter lange Fließbänder im Freien und
Türme mit Etagen und Treppen wie bei einer Raffinerie
oder wie auf einem Schiff – die Fabrik stand
bei unserem Besuch still, da eine Routine-Wartungsarbeit
gemacht wurde) nebenan, lagern den Rohstoff als rote
Pyramiden und verschiffen ihn vom Hafen gegenüber.
Ihr Minengebiet erstreckt sich über etwa das
westliche Drittel der Cape York Halbinsel. Sie graben
nicht weit, aber flächendeckend.
23 Caterpiller Belly Dumpers (Model 776, sie können
ihre Ladung durch eine Bauchluke loslassen) mit je
sieben Gängen und zehn Reifen (zwei vorne und
zweimal zwei jeweils in der Mitte und hinten) und
fünf Rear Tipper brausen über das Straßennetzwerk
der Mine.
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Rob ist ein sympathischer Mann. Es
klingt so als ob sie offen reden, als ob man nichts
weiter einwenden könne. Das Gefühl kommt
auf, es sei ja nicht so schlimm, da nichts Explosives
verwendet werde und nach der Nutzung Samen für
neue Bäume und Pflanzen gesät werden. Einmal
wird gedüngt und dann ist gut. Aber Glenn Walker
von der Wilderness Society sieht diese „regenerierten“
Wälder und sagt: "Sie sind entschieden anders
als die gesunden Wälder, weil dort ganz andere
Baumarten sind; außerdem sind da keine alten
Bäume, die den Lebensraum für so viele verschiedene
Tiere bieten.“ Auf die Frage hin, ob sie mit
dem neuen gewachsenen Wald zufrieden seien, gibt Rio
Tinto zu, dass es noch nicht optimal sei. Vorher pflanzten
sie diverse Bäume und Büsche; nun achteten
sie darauf, nur das zu pflanzen, was hier früher
wuchs.
Die Landkarte der Wilderness Society zeigt, dass es
da, wo Bauxit ist, die hohen, so genannten Darwin
Stringybark Tall Woodlands gibt. Wenn das Bauxit weg
ist, dann können diese besonderen Baumarten auf
dem bearbeiteten Boden nicht mehr wachsen, weil das
Bauxit den Wasserhaushalt managt.
Glenn Walker kämpft deswegen
mit seinen Kollegen um den Erhalt der Cape York Peninsula,
so wie sie ist. Ziel ist es, die Halbinsel zum Weltkulturerbe
zu ernennen: „Wenn Cape York zum Weltkulturerbe
erklärt wird, dann ist es zusammen mit dem Great
Barrier Reef im Osten und den Wet Tropics Rainforests
im Süden das größte Weltkulturerbe
überhaupt“. Die Regierung von Queensland
fällt in diesen Wochen die Entscheidung darüber.
Lesen Sie nächste Woche, wie es
weiter geht. Unsere Korrespondentin erkundet dann
die einsamsten und die beliebtesten Flecken der Halbinsel
und lernt, wie man grüne Ameisen verspeist..
Info Cape York Peninsula:
Die Halbinsel ist ganz
im Nordosten des Landes, etwas südlich von Cairns
aus erstreckt sie sich über 750 Kilometer bis
in die Nordspitze des Kontinents. Die Coral Sea liegt
im Osten der Halbinsel, Torres Strait ist im Norden
und der Gulf of Carpentaria im Westen. Etliche Touranbieter
haben die naturbelassene Halbinsel fern der Zivilisation
in ihr Programm aufgenommen. Selbstverständlich
kann man auch auf eigene Faust von Cairns aus reisen
- dann empfiehlt sich aber eine gute Planung und ein
Geländewagen. Es werden auch Flüge nach
Weipa oder Horn Island (in der Nähe von Thursday
Island) angeboten. Für Reisende auf eigene Faust
- die wichtigsten Ortsnamen mit Motels und etwas Zivilisation
heißen: Laura, Coen, Weipa, Bamaga und Cooktown.
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Hier
geht es zu Teil 1 der Serie über Cape York
Kontakt zur Autorin
sonja@sonjastagebuch.com.
Mehr Info: www.sonjastagebuch.com.
Foto Credit und Text: Sonja Goernitz
und Tourism Australia