Begegnungen im fernen Norden Australiens...
Sonja Goernitz ist für die
Infobahn Australia mit der Wilderness Society und
Wilderness Challenge zur Nordostspitze Australiens
gereist. In einer dreiteiligen Serie stellt sie uns
die Halbinsel vor, die bisher nicht zur Standardroute
eines Australienreisenden gehörte. Heute macht
sie uns mit David Claudie bekannt, ein Aborigine,
der die Kultur seines Volkes hoch hält und für
die Rechte der Ureinwohner kämpft.
David Claudie ist ein traditioneller
Landbesitzer, das heißt ein Aborigine, dem das
Land (wieder) gehört. „Alle können
hierher kommen, wir schließen die Tür vor
keinem, aber wenn sie stören, dann können
sie wieder gehen“, sagt er.
Für zwei Nächte campen wir auf seinem Grundstück
im Kaanji Land (470.000 Hektar), gehen aufs weiße
Plumpsklo in der Buschkabine mit Wänden aus blauen
Planen unterm offenen Sternenhimmel.
In der Dunkelheit, mit einem schwarzen Lederhut auf
und der kleinen Taschenlampe am rechten Ohr spricht
Dave von Lebensgewohnheiten, Landrechten und der ältesten
Kultur Australiens. Er sagt uns auch, das Aborigine
Wort für „Tabak“ sei „Gift“
– und es überrascht mich, dass er sich
später Selbstgedrehte am Lagerfeuer ansteckt.
Für Landrechte gibt es keine Zäune oder
Landkarten (das sei „westlicher Kram“,
sagt er), sondern Merkmale wie Flüsse und Fanggebiete,
die unter Aborigines klare Grenzen setzen. Sie werden
von der australischen Regierung anerkannt. Wenn Dave
mit dem Staat zu tun hat, dann macht er das direkt,
schreibt einen Brief nach Brisbane, der Hauptstadt
Queenslands – „damit die Informationen
’vom Maul des Pferdes kommen’", wie
man auf Englisch sagt, also keine 'Stille Post’
sind. Jedes Mal bekam er Antwort, mitunter auch Geld,
um zum Beispiel Training (erst für Ansässige,
dann für Anreisende) anzubieten. In diesen Kursen
spricht er über Unkraut- und Ungezieferkontrolle,
aber auch wie man Zuschüsse bekommt und Budgets
verwaltet.
Dave möchte Camping-Kabinen für
Camper bauen, aber dafür wurde ihm bisher kein
Geld bewilligt. Die Grundpfeiler der Hütten stehen
bereit im Wald. Einige internationale Besucher wie
wir kamen schon zu ihm. Was ihm aber wirklich am Herzen
liegt, ist, „den Schlamassel, der hier geschaffen
wurde, aufzuräumen“. Er meint damit die
eingeführten Pflanzen und Tiere, die dem Land
Schaden zufügen. Deshalb arbeitet er auch mit
der Wilderness Society zusammen, die die Natur am
Cape York schützen möchte.
Dave studierte in Brisbane und
lernte dort seine Frau Judith kennen. Sie sind seit
neun Jahren verheiratet und haben drei Kinder: zwei
Söhne (einer ist gerade zwei Monate alt) und
eine Tochter. Judith sieht niederländisch aus,
trägt eine Brille, hat zwei Kinder um sich herum
und könnte genauso gut vor einem Reihenhaus in
Hamburg stehen.
Ihr
Haus sei eine „Hütte“, sagt Dave.
Die Hütte hat ein helles Wellblechdach und der
Schuppen (für die Buschausrüstung) mit durchsichtigen
Moskitonetzwänden wirkt größer als
das Haus selbst. Vor dem Eingang warten ein Geländewagen
und ein gelber Traktor, neben den Gebäuden steht
eine moderne Solaranlage, und eine Satellitenschüssel
sitzt auf einer Dachecke.
Etwa hundert Meter den Waldweg runter
liegt die Lagune fürs Trinkwasser, wo zwei Aborigines
ruhig am Wasser sitzen und der eine sagt: „Nein,
heute sind keine Krokodile hier“.
Judith brachte die Kinder in Cairns
zur Welt, so wie es in dieser Region üblich ist.
Da ist ein großes Krankenhaus, und Frauen verschwinden
für drei Wochen und kommen mit Säuglingen
zurück.
Dave verfolgt die Fernsehnachrichten, vor allem die
regionalen, und liest die Zeitung in Flugzeugen. „Ich
fliege nicht oft“, fügt er bescheiden hinzu,
„nur in Notfällen, mit dem Flying Doctor
Service oder so“. Dabei ist es bekannt, dass
Dave ein gefragter Sprecher über Landrechte und
–Management ist und dafür in die Städte
düst.
Davids Ansicht nach ist es wichtig,
sich als Aborigine in der westlichen Gesellschaft
zu etablieren, sich hochzuarbeiten, eventuell eine
Management-Stelle zu erreichen, um dann von innen
Veränderungen bewirken zu können. Er sagt,
dass er – wie in der westlichen Welt –
seinem Nachbarn nicht in das reinrede, was er machen
solle. Deswegen toleriert er auch die Ansichten anderer
Aborigines, die sich viele Optionen für die Nutzung
des Landes offen halten wollen. Zum Beispiel, dass
an der Ostküste ganze Landstriche gerodet werden,
damit die bis zu zehn oberen Meter rote Erde abgetragen
werden können. Rio Tinto fördert dort Bauxite.
Es ist die größte Bauxit Mine der Welt
und trägt zur australischen Produktion von Aluminium
bei. (Dazu mehr in Teil 2)
Im Tageslicht frage ich Dave,
wo er seinen Antrieb und seinen höheren Glauben
hernimmt. Er spricht von seinen Vorfahren –
Leute sterben in seinen Augen nicht, sondern seien
weiterhin bei uns, lebten im Land und in uns weiter
– und er spricht immer wieder vom Land. Ich
versuche, dies zu verstehen und fühle ansatzweise
sein Konzept, dass es das Land/die Natur ist, die
uns besitzt und nicht umgekehrt. In dem Sinne macht
er auch keine großen Pläne für die
Zukunft, denn das Land wird ihm zeigen, wie es weitergeht...
Lesen Sie nächste Woche, wie es
weiter geht. Unsere Korrespondentin besucht dann die
größte Bauxit-Mine der Welt.
Info Cape York Peninsula:
Die Halbinsel ist ganz
im Nordosten des Landes, etwas südlich von Cairns
aus erstreckt sie sich über 750 Kilometer bis
in die Nordspitze des Kontinents. Die Coral Sea liegt
im Osten der Halbinsel, Torres Strait ist im Norden
und der Gulf of Carpentaria im Westen. Etliche Touranbieter
haben die naturbelassene Halbinsel fern der Zivilisation
in ihr Programm aufgenommen. Selbstverständlich
kann man auch auf eigene Faust von Cairns aus reisen
- dann empfiehlt sich aber eine gute Planung und ein
Geländewagen. Es werden auch Flüge nach
Weipa oder Horn Island (in der Nähe von Thursday
Island) angeboten. Für Reisende auf eigene Faust
- die wichtigsten Ortsnamen mit Motels und etwas Zivilisation
heißen: Laura, Coen, Weipa, Bamaga und Cooktown.
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Kontakt zur Autorin
sonja@sonjastagebuch.com.
Mehr Info: www.sonjastagebuch.com.
Foto Credit und Text: Sonja Goernitz
und Tourism Australia