Drei Tage auf den Spuren der Aborigines
in Victoria
„It will blow you away“
– Das sind die ersten Worte, die ich von Geoff
du Toit vom Aboriginal Tourismusverband in Victoria
höre, als wir während dem Einkaufen die
Route für die nächsten Tage zusammen durchgehen.
Viel zu essen kaufen wir nicht – dafür
aber drei Päckchen Kaffee. Eins für jeden
Tag, das brauche er, lacht Geoff. Die freundlichen
Augen des Mannes, der bereits in zwanzig Ländern
dieser Erde gelebt hat und früher einmal Nachtklubbesitzer
in Südafrika war, beginnen zu leuchten, sobald
er von seinem langjährigen Einsatz für den
Erhalt der Kultur der Aborigines erzählt. Für
die nächsten drei Tage wird Geoff mein Führer
durch seinen Staat, Victoria, sein und mir zeigen,
wie lebendig diese Kultur inmitten atemberaubender
Naturwunder immer noch ist.
Aboriginal Vergangenheit startet
schon in Melbourne
Doch bereits beim Streifzug durch das pulsierende
Melbourne gibt es viel von der indigenen Vergangenheit
zu entdecken – man muss nur seine Augen für
sie öffnen. Denn die längst vergangenen
Zeiten leben nicht nur in der Bunjilaka Ausstellung
des Melbourne Museum weiter, in der man einen Mantel
aus Possumfell und einen lebendigen Aal anfassen kann.
Allein die Tatsache, dass heute immer noch etwas weniger
als die Hälfte aller australischen Ortsnamen
von den Sprachen der Aborigines abstammen, lässt
sie immer wieder präsent werden.
Bei unserem Spaziergang entlang der Southbank und
durch die Botanischen Gärten verschwinden die
modernen Sehenswürdigkeiten, die Geräusche
und Gerüche der Großstadt vor meinem inneren
Auge während Geoff erzählt. Übrig bleiben
die wunderschönen Lagunen voller Fische, die
rituellen Plätze der damaligen Zeit mit ihren
eigenen Namen und Geschichten, von denen er mir berichtet.
Aboriginal
Tourismus ist im Aufwind
Unser erster Halt am nächsten
Tag ist das kulturelle Zentrum „Narana Creations“
in Geelong. Nachdem ich zu der Erkenntnis gekommen
bin, dass es nicht zu meinen Talenten gehört,
einen Bumerang zu werfen und ich mich am Didgeridoo
versuchen durfte, stellt Geoff mich dem Manager Rob
Barker vor – die beiden kennen sich seit Jahren.
Bei außergewöhnlichen Snacks – es
gibt Känguru, Krokodil und Emu zu versuchen –
erzählt er mir von seiner Arbeit. Obwohl das,
was er zu bieten hat, uralt ist, wird der indigene
Tourismus immer noch als relativ junger Zweig der
Branche angesehen. Besonders in den vergangenen Jahren
hat er jedoch einen Aufschwung erlebt: Immer mehr
Touristen aus dem Ausland interessieren sich für
die Kultur der Aborigines und besuchen das Zentrum.
„Victoria hat in dieser Hinsicht Einiges zu
bieten“ sagt Rob Barker. Das hätte sich
nur noch nicht überall herumgesprochen.
Tatsächlich machen Schulklassen und Besucher
anderer Bildungseinrichtungen immer noch den Großteil
seines Klientels aus.
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Traditionelle
Bräuche, historische Behausungen und "schlaue"
Techniken
Das können auch Lindsay Saunders und Eileen Alberts
vom Stamm der Gunditj Mara bestätigen, als sie
mich am nächsten Tag über ihr Land führen.
Im Jahr 2003 wurde das Tyrandarra Land von der australischen
Regierung zur „Indigenous Protected Area“
und ein Jahr darauf zur „National Heritage Landscape“
erklärt. Hier kann man den Aufwind deutlich spüren,
den der indigene Tourismus erlebt.
Im Vorbeigehen zeigen sie mir das neue Kulturzentrum,
an dem gerade gearbeitet wird. Stolz erzählen
sie, dass man in den modernen Räumen nicht nur
in Diavorträgen und Ausstellungen mehr über
die Geschichte des Landes erfahren, sondern auch Andenken
von den Künstlern aus der Region kaufen könne.
„Jetzt du“ sagt Eileen Alberts und streckt
mir einige Schilfhalme entgegen. Sie selbst hält
das Anfangsstück eines traditionell geflochtenen
Korbes in ihrer Hand. Wie und aus was man die am besten
herstellt, das hat sie von ihrer Großmutter
gelernt. Die Tradition der mündlichen Überlieferung
ist hier immer noch sehr bedeutend: Auch ihr gesamtes
Wissen über die lokalen Pflanzen, ihre Wirkungen
und Verwendungsmöglichkeiten hat sie schon als
kleines Kind von ihren Vorfahren gelernt. Heute gibt
sie die uralten Fertigkeiten und Weisheiten gern an
interessierte Besucher weiter. „Das alles hier
ist nicht selbstverständlich“ meint Lindsay
Saunders. Wir erfahren von den Verfolgungen und Umsiedelungen,
denen die Aborigines durch die Einwanderer ausgesetzt
waren. Auch von einer Kindheit ohne Eltern erzählt
er uns, und dass er sich ganz allein mit der Geschichte
seine Landes und seines Stammes vertraut machen musste.
Er selbst ist bei seinen Recherchen auf Budj Bim Tours
gestoßen und wurde hier schließlich selbst
zum Tourguide. Davon leben könnte er noch nicht,
doch das würde sich bald ändern, meint er
zuversichtlich. Das Wichtigste sei, dass er stolz
auf seine Vergangenheit sein könnte.
Wir steigen in seinen Jeep und er bringt Geoff, dessen
Thermoskanne voller Kaffee und mich zu unserem nächsten
Ziel. Auf dem Tyrandarra Land gibt es noch Überreste
der zwei Quadratmeter großen, niedrigen und
über 8500 Jahre alten Steinhütten seiner
Vorfahren. Diese einzigen Zeugnisse sesshafter Lebensweise
der Aborigines waren mit Stöcken und Rinde gedeckt
und stets so ausgerichtet, dass sie vom Wind geschützt
waren.
„Meine Vorfahren waren nicht faul“ setzt
Lindsay lachend einem leider teilweise immer noch
gängigen Vorurteil entgegen, „nur schlau!“.
Durch die geschickt aus Steinen und Schilf gebauten
Aalfallen und ihr Wissen über die Natur hätten
sie immer alles gehabt, was sie zum Leben brauchten.
„Das hier zum Beispiel war der Kühlschrank“
grinst er und zeigt auf ein durch einen Damm entstandenes
Auffangbecken. Die kleinen Fische konnten durch das
Loch am Ende der trichterförmigen Fallen schwimmen
und so in das Becken gelangen. Wenn sie dann groß
genug waren, mussten sie nur noch herausgefischt werden.
Am faszinierendsten ist es jedoch, als er vom Enstehungsmythos
seines Stammes erzählt. Er erklärt, wie
die Seen, Höhlen und Sümpfe des Landes durch
Buji Bim, den Vulkan, der vor 30 000 Jahren ausbrach,
entstanden. Jeder Stamm hat dabei seinen eigenen Mythos
– immer angepasst an die natürlichen Gegebenheiten.
Blick
in Entstehungsgeschichten und kulturelle Geheimnisse
Dem Schöpfer des Landes der Jardwadjali und Djab
Wurrung können wir einen Tag und unzähligen
Tassen Kaffee später sogar persönlich gegenüber
treten: Im Brambuk National Park befindet sich noch
heute eine Wandmalerei die Bunjil, den Gott, der die
Gegend durch seine magischen Kräfte erschaffen
haben soll, zeigt. Nicht nur einige Jahrtausende sondern
auch diverse Brände hat diese besondere Sehenswürdigkeit
inmitten der australischen Grampians dank seiner geschützten
Lage unter einem Felsvorsprung bereits überstanden.
Den Nachmittag verbringen wir im Kulturzentrum von
Brambuk. Hier kann man nicht nur im gemütlichen
Café entspannen und im Bücher- und Geschenkladen
stöbern, sondern auch ganz in der Nähe freilaufende
Kängurus beobachten oder sich über verschiedene
Camping- und Klettertouren informieren, die hier angeboten
werden.
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Als wir uns am nächsten Tag auf
den Weg zurück nach Melbourne machen, lasse ich
noch einmal die Erlebnisse der vergangenen Tage Revue
passieren: Den Bushwalk, den man im Tower Hill National
Park in einem schlafenden Vulkan unternehmen kann,
die zahlreichen Pflanzen und Tiere, die wir gesehen
haben, die moderne und traditionelle Kunst der Ureinwohner,
die es zu bestaunen gab und nicht zuletzt die einmaligen
Aussichten – sei es die Landschaft, die sich
am Fuße der Grampians vor uns erstreckte, oder
die zwölf Apostel an der Great Ocean Road. Gedankenverloren
blicke ich aus dem Fenster. „So“ fragt
Geoff, während er sich einhändig den vierten
Kaffee des Tages einschenkt „Did you like it?“
Mehr als das: „It really blew
me away.“
Aboriginal Angebote in Victoria:
Bunjilaka Ausstellung (Melbourne Museum)
11 Nicholson St, Carlton.
Täglich 10-17Uhr
www.melbourne.museum.vic.gov.au/bunjilaka
Koorie Heritage Trust
295 King St, Melbourne
Täglich 10-16Uhr
www.koorieheritagetrust.com
Aboriginal Heritage Walk, Royal Botanical
Gardens
Buchung ist essentiell
Tel.: 03- 9252 2429
Aboriginal Cultural Experience
403 Main Road, Ballarat
Täglich 9-17Uhr
www.aboriginalballarat.com.au
Narana Creations
410 Surfcoast Hwy, Geelong
Mo-Fr 9-17Uhr, Sa 10-16Uhr
www.narana.com.au
Brambuk
Aboriginal Cultural Centre
Grampians Rd, Halls Gap.
Täglich 9-17Uhr
www.brambuk.com.au
Budj Bim,Lake Condah
Heywood
Buchung essentiell
03-5527 1699
Worn Gundidj
Tower Hill (15km von Warrnambool)
Touren an Wochentagen 9.30Uhr, personalisierte Touren
möglich
03 - 5561 5315
Weitere Informationen
www.aboriginaltourism.com.au
Foto
Credit und Text: Martina Fuchs