Ein persönlicher Bericht der deutschen
Journalistin Sonja Görnitz, die inzwischen fest in Sydney
lebt und arbeitet. www.sonjagoernitz.com.
Sonja Görnitz studierte an der Macquarie University in
Sydney (Australien) die Fächer "Media & Communication"
und "Economics".
Direkt vom Flughafen fahre ich
zur Uni. Nach drei Stunden Warten, Formulare-Ausfüllen,
Stempel- und Unterschriften-Besorgen bekomme ich meinen
Studentenausweis: eine Plastikkarte mit Magnetstreifen
und Foto. Ein halbes Jahr hat die Vorbereitung mit Bewerbung,
Visum etc. gedauert.
Vollgepackte Hörsäle
Mich erwartet eine Überraschung.
Im BWL-Kurs sitzen 1500 junge Leute in drei Vorlesungen,
drei Stunden pro Woche in Hörsälen so groß wie Konzerthallen.
Trotzdem fehlen oft Sitzplätze. Dagegen bietet die FH,
wo ich in Deutschland war, für ihre gut fünfzig "Medok"-Studierenden
pro Wintersemester fast "Privatunterricht". Mit Mobilmikrofon
und zwei Overheadprojektoren schreitet "Lecturer" Allan
McHarg zügig durch die "Microeconomics", ein mir neues
Fach. Wir schreiben schnell Formeln, Diagramme und Theorien
mit. Trotzdem ist es immer leise im Hörsaal.
Zu Hause arbeiten wir
das Literaturpaket durch: zwei Fachbücher und eine CD-ROM
für gut 110 Mark trotz Studententarif. Dazu eine umfangreiche
Literaturliste, die uns stundenlange Aufenthalte in der
fünfstöckigen Bibliothek mit freundlichem und kompetentem
Service beschert. Der Studentenausweis dient als
Mitgliedsnachweis und Geldkarte für Kopierer. In Australien
dauert das Vollzeitstudium drei Jahre, es ist straff organisiert.
In jedem Fach gibt's zwei bis drei Prüfungen, Hausarbeiten,
Referate; mündliche Mitarbeit wird benotet.
Hoher Arbeitsaufwand
Ich habe vier Kurse gewählt, das ist üblich. Obwohl ich
auf nur zehn Wochenstunden komme, bin ich mit Recherchen,
Referaten, Hausarbeiten, Lernen mehr als 40 Stunden beschäftigt.
Es ist mir ein Rätsel, wie andere nebenbei arbeiten (kommt
aber selten vor!) oder eine Familie versorgen können (sie
studieren dann meist in Teilzeit, weniger als drei Kurse
pro Semester). Ab der dritten Studienwoche bleibt die
Freizeit fast auf der Strecke.
Die meisten Studierenden
sind knapp 20 Jahre alt, kommen von der Schule, nicht
so wie an der FH, wo einige eine Ausbildung vorher gemacht
haben. Eine Studienkultur wie in Deutschland gibt es nicht.
Hier studiert man schnell, um Zeit und die hohen Studiengebühren
zu sparen. Die Kosten werden nach Fach und "Creditpoints"
berechnet. Am Ende des Studiums muss eine bestimmte Punktzahl
erreicht werden. Meistens gibt es pro Kurs drei Punkte,
zwölf Punkte pro Semester sind üblich.
Gebühren
Die Gebühren für internationale
Studierende sind höher. Ein "Semester Abroad" kostet mehrere
Tausend Euro (mit Pflicht-Krankenversicherung). Leider
erhalten Ausländer keine Ermäßigung - nur im Austauschprogramm.
In den Einführungsveranstaltungen
wird betont, Studierende sollen kritisch denken lernen,
System und Vortragende hinterfragen, aber es geht eher
darum, die Kurse reibungslos zu bestehen, ohne nach rechts
oder links zu schauen. Zu dem Finanz- kommt der starke
Leistungsdruck: Obwohl "ECON111" für mich der einzige
Kurs aus dem ersten Studienjahr ist (sonst aus zweitem
und drittem), habe ich den Eindruck, dass dieser der schwierigste
ist vielleicht, weil versucht wird, unter den vielen Studienanfängern
auszusieben.
Einmal pro Woche findet ein "ECON111"-Tutorium
statt, in dem Vicky Le Plastier streng seitenlange Lösungen
der Hausaufgaben mitteilt. Viel Zeit für Fragen bleibt
nicht. Alles läuft zielstrebig auf die dreistündige Abschlussklausur
hinaus, die zu 75 Prozent für die Gesamtnote zählt. Wer
hier versagt, hat den Kurs nicht bestanden.
Mir wird mulmig, und leicht
ist der Stoff nicht. In der sechsten Studienwoche gibt
es einen Multiple-Choice-Test (zehn Prozent der Gesamtnote),
der schlecht ausfällt. Der Durchschnitt lag bei neun von
zwanzig richtigen Antworten. Ohne Lernen wäre der Test
wie Lotto-Spielen. Das Testblatt zum Markieren der Lösungen
sieht sogar wie ein großer Lotto-Schein aus. Alles für
den Computer, der die über 1000 Ergebnisse überprüft.
An der FH wird das per Hand gemacht.
Die restlichen 15 Prozent
für die Note liefert eine Hausarbeit. Mit 40 von 70 Punkten
lag der Durchschnitt niedrig. Am Ende sitzen wir zu gut
hundert in einer Sporthalle an zugeteilten Tischen mit
dreistelliger Nummer (meiner war dicht unter dem Basketballkorb)
und schreiben unsere ECON111-Schicksale. Wochen warten,
dann das Endergebnis: ein B! Ich habe es geschafft!
Noten im Studium
Es gibt A, B,
C und Pass für "bestanden", A ist die beste Note, Pass
die schlechteste. Zudem gibt es plus und minus wie in
Deutschland. Ein F bedeutet "failed" - durchgefallen.
Die Gesamtnoten stehen nach Semesterende im Internet (mit
Passwort) und werden als Computerausdruck per Post zugeschickt.
In den Medienfächern bekommen
wir dicke "Reader", Literatursammlungen zum Durcharbeiten.
Es ist üblich, dass Dozenten Kopien für Ringbücher oder
Bände zusammenstellen, die die Studierenden im Buchladen
kaufen, wenn sie nicht vergriffen sind und man zwei Wochen
auf den neuen Druck wartet; eine Verzögerung, die man
sich kaum leisten kann, denn die Lektüre wird in den Tutorien
abgefragt, und zum Nacharbeiten fehlt die Zeit.
Die Medientutorien sind
kleiner (15 bis 20 Studierende), so kann die mündliche
Mitarbeit gezielt benotet werden. Sie zählt bis zu 20
Prozent, deshalb reden die Studierenden ambitionierter
als in Deutschland mit, wirken oft aber etwas gezwungen.
Die beiden Hausarbeiten
in MAS203 sollten 1500 Wörter (es wird in Wörtern, nicht
in Seiten gezählt) und 3000 Wörter (zwölf Seiten) Umfang
haben. Mehr oder weniger ist nicht erlaubt. Dozent Matthew
Pearce legte viel Wert auf den kritischen Umgang mit Zitaten,
auf klare Argumentation und verschärft auf Formalien.
In der zweiten Hausarbeit (eins von fünf vorgegebenen
Themen) gibt es für jeden Formfehler, zum Beispiel beim
Zitieren, einen Punkt Abzug, das kann das Plus der Noten
kosten. Wer keine Literaturliste einreicht, bekommt gleich
ein F für diese Arbeit, die zu 50 Prozent zählt.
Zur Abwechslung kommen
wie an der FH Medienexperten zu Fachvorträgen: So
erzählt Hugh Riminton, ein berühmter australischer TV-Reporter,
von seiner Arbeit bei Channel 9 oder in "MAS204 - Media
and the Asia Pacific" berichten internationale Journalisten
von ihrer Arbeit in Indonesien, Indien, Thailand, Australien
und auf Fiji. Nach guten Vorträgen klopfen die Studierenden
nicht auf den Tisch, sie klatschen. Präsentationen mit
Akzent sind normal. Als ich mein erstes Referat auf Englisch
halte, bin ich aufgeregt. Aber die Gruppe ist toll. Die
Australier schätzen es, dass Leute von Weitem anreisen,
um bei ihnen zu studieren; Europäer, Asiaten, Afrikaner
und Amerikaner sitzen als "Internationals" in einem Boot.
Neben verschiedenen Kulturen und
Studieninhalten lerne viel über Zeitmanagement. Vor allem
zum Semesterende braucht man Nerven. Trotz früher Planung
ist manches erst in letzter Minute zu schaffen. Kurz vor
Mitternacht bin ich nicht die einzige, die vom Sicherheitsdienst
begleitet ihre Hausarbeit in den Postkasten beim Medienbüro
einwirft. Ich hätte nie gedacht, dass das Studium in einem
"relaxten" Land so arbeitsintensiv ist.
Wissenswertes:
Ein Vollzeitstudium in
Australien dauert drei Jahre (sechs Semester) und ist
straff organisiert mit schriftlichen und mündlichen Prüfungen
und Tutorien, in denen die Mitarbeit benotet wird. Zu
jeder Vorlesung gibt es ein einstündiges Tutorium. Für
das Studium muss bezahlt werden. Für einheimische Studenten
gibt es ein Finanzierungssystem. Der Staat übernimmt die
Studiengebühren. Nach dem Studium geht ein bestimmter
Prozentsatz des Gehalts an den Staat zurück, bis die geliehene
Summe abbezahlt ist. Diese Finanzierung gilt nur für
Undergraduates, eine Art Grundstudium.
Die Gebühren für weiterführende
Masterstudiengänge müssen australische Studierende selbst
tragen, deshalb machen das nur wenige. Für Studenten aus
Deutschland gibt es unter bestimmten Bedingungen Stipendien.
Infos über Auslandsstipendien:
Stipendien
Friedrich-Ebert-Stiftung
Deutscher
Akademischer Austauschdienst
Karl-Heinz-Dietze
Stiftung
Carl-Duisberg
Gesellschaft
Macquarie
University
Studiengebühren: http://www.mq.edu.au/international/abroad/fees.htm
Universitäten
in Sydney
University
of Sydney
http://www.usyd.edu.au
University of NSW
http://www.unsw.edu.au
Macquarie University
http://www.mq.edu.au
University of Technology,
Sydney
http://www.uts.edu.au
University of Western
Sydney
http://www.uws.edu.au
Visa
Australische
Botschaft in Berlin http://www.australian-embassy.de
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siehe auch Rubrik Auswandern „Welches
Visum?“
Kontakt Sonja Görnitz:
sonja@sonjastagebuch.com