Schüleraustausch

Hilfe!! Mein Kind will nach Australien!!

Was Eltern unbedingt wissen sollten

Konfrontieren Jugendliche ihre Eltern mit dem Wunsch, für ein paar Monate oder ein ganzes Schuljahr ins Ausland zu gehen, müssen diese meist erst einmal gewaltig »schlucken«. Kristallisiert sich dann noch Australien als potentielles Zielland heraus, kann dies einige Eltern in eine kleine Krise stürzen.

»Ins Ausland o.k., aber muss es unbedingt Australien sein… !?« so oder so ähnlich glaubt man den Erfahrungsberichten zahlreicher Gastschüler, beginnt dann oft der intensive Diskussionsprozess in den Familien. Nach einigen betroffenen »Ja, aber…«-Einwänden sind dann oft nach einigen Tagen auch die größten Skeptiker unter den Eltern überzeugt: »Ja, es muss Australien sein!!« Naja, die meisten jedenfalls.

Damit ist bereits die größte Hürde auf dem Weg nach Australien genommen. Längst nicht alle noch so toleranten Eltern schaffen es tatsächlich, »loszulassen« und verhindern mit allen möglichen und unmöglichen Ausreden und Entschuldigungen den Gastschulaufenthalt ihres Kindes in Australien.

Lässt man sich auf das Abenteuer ein, warten jedoch noch einige »Klippen« auf die besorgten Eltern, die es mit der notwendigen Gelassenheit zu umschiffen gilt.
So ist etwa das verständliche Bedürfnis, auch während des Austausches in engem Kontakt zu ihren Kindern zu stehen, keinesfalls hilfreich. Der ständige Austausch zwischen Eltern und Kind erschwert in vielen Fällen dessen Eingewöhnung und Integration in die neue Heimat. Telefonische Kontakte sollten sich deshalb nach einer zwei- bis dreiwöchigen Übergangszeit am Anfang auf einmal pro Monat beschränken.
An den Gedanken, sein Kind in Australien während des Aufenthaltes einmal zu besuchen, sollte man sich erst gar nicht gewöhnen. Viele Organisationen verbieten Elternbesuche und das aus gutem Grund. Derartige Besuche führen meist immer zu Komplikationen. Allein durch die bloße Anwesenheit der Eltern kann die »neue Welt« aus den Fugen geraten.
Diese Regelung mag ausgesprochen hart erscheinen, sie ist aber durchaus sinnvoll. Der Kompromiss könnte ein Besuch im Anschluss an das Schuljahr sein, den man zum gemeinsamen Reisen nutzt.

Gegen einen Kontakt mit den Gasteltern ist wenig einzuwenden. Lockerer Brief, E-Mail- oder Telefonkontakt sollte aber keinesfalls dazu genutzt werden, den Erziehungsstil oder die Lebensführung der Gastfamilie zu kritisieren. Hat man große Bedenken gegenüber der Gastfamilie seines Kindes, sollte man keinerlei Eigeninitiative entwickeln, sondern Kontakt zur Austauschorganisation aufnehmen. Schließlich hat man eine Menge Geld bezahlt und in der Regel haben die Betreuer vor Ort Erfahrung im Umgang mit problematischen Situationen.

Als ihre Aufgabe sollten es Eltern dagegen sehen, ihren Sohn oder ihre Tochter in Phasen des Heimwehs zu ermutigen nicht aufzugeben, solange es sich um temporäre Probleme handelt. Durchhalteparolen bei krankhaftem Heimweh bringen dagegen relativ wenig.

Um den eigenen Blick für derartige Probleme zu schärfen, nehmen einige Eltern für die Zeit der Abwesenheit ihres Kindes selbst einen Gastschüler auf.

Auch der Austausch mit andern »Leidensgenossen«, die ebenfalls ein Kind im Ausland haben, ist eine Möglichkeit das eigene »Leiden« erträglicher werden zu lassen. Von einigen Veranstaltern werden sogar Elterntreffen organisiert. Spätestens mit einem Blick ins Internet wird auch den »letzten« Eltern klar, dass man mit seinen Sorgen nicht alleine auf diesem Planeten ist.

Oft nicht zu vermeiden -
Alltagsfrust und Heimweh

Was ist eigentlich ein Kulturschock? Vielleicht eine emotionale Niedergeschlagenheit, die daher rührt, dass man in einem fremden Land mit zu vielen neuen Eindrücken gleichzeitig konfrontiert wird.
Der große Kulturschock ist es wohl nicht, der einen in Australien erwartet. Vielmehr erleben die meisten Gastschüler ihre ersten Wochen in einer euphorischen Stimmung. Alles ist neu und furchtbar spannend. Das Leben kommt einem einfach und abwechslungsreich vor. Urlaubsstimmung macht sich breit.

Diese Eingewöhnungsphase wird aber schon bald von der »gefährlicheren« so genannten Konsolidierungsphase abgelöst. Langsam erkennt man, dass das Alltagsleben in Australien weniger aufregend ist, als man es sich vielleicht vorgestellt hatte. Die Schule wird zur langweiligen Routine, die schönen Sandstrände sieht man aus Zeitmangel auch nicht mehr so oft wie am Anfang und selbst die Gasteltern können sich aufgrund ihrer beruflichen und privaten Verpflichtungen nicht mehr in dem Ausmaß um einen kümmern, wie es anfangs der Fall war.

Von dem Gast wird nun erwartet, dass er sein Leben in weitaus höherem Maße selbst organisiert und gestaltet. An die Stelle der anfänglichen Rücksichtsnahme tritt der ganz normale Alltag. Bei einigen Jugendlichen kann dies zu einer nicht zu unterschätzenden Alltagsfrustration führen. Sichtbare Symptome hierfür sind eine fast schon depressive Niedergeschlagenheit und eine latente Abneigung gegenüber Australien, dem Essen, dem Klima oder auch der Sprache. Deutliche Gewichtszu- bzw. –abnahmen sind in dieser Phase ebenfalls keine Seltenheit.

Um diese erste große Prüfung des Gastaufenthaltes zu bestehen, braucht man eine gehörige Portion Eigeninitiative. Gerade jetzt sollte man versuchen mit Australiern in Kontakt zu kommen und an seinen Sprachkenntnissen zu arbeiten. Man wird sehr schnell feststellen, wie unkompliziert die meisten Aussies mit Neuankömmlingen umgehen. Niemand erwartet, dass man seine kulturellen Hintergründe aufgibt und sich vollständig assimiliert. Auch seine eigene Persönlichkeit wird man durch diese Form der Anpassung keinesfalls verlieren. Im Gegenteil. Das bewusste Eintauchen in den australischen way of life führt zu einer dauerhaften Bereicherung der eigenen Identität.

Besonders angesagt kann in dieser Phase auch sein, dass Gastschüler Australien ständig mit ihrem Heimatland vergleichen. Abgesehen davon, dass einem derartige Vergleiche nicht weiterbringen und die Australier diesbezüglich äußerst sensibel sind, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass es nicht eine Frage des »besser« oder »schlechter« ist, sondern, dass bestimmte Sachverhalte einfach »anders« sind. Nicht mehr und nicht weniger.

Hat man diese Phase des Selbstmitleides und der Selbstgerechtigkeit überstanden, lauert noch eine andere »tückische Gefahr«, – das Heimweh. Es kann jeden zu jeder Zeit erwischen. Weihnachten, Silvester oder an Geburtstagen kann es ganz besonders schlimm werden.
Während dieses »Feiertags-Heimweh« relativ rasch vergeht, sind die anderen Formen von Heimweh meist deutlich hartnäckiger. Hier bietet es sich an, Kontakt zu dem örtlichen Betreuer aufzunehmen. Im Gegensatz zu den Eltern, die mit ihren »Fern-Diagnosen« oft falsch liegen, hat er oder sie Erfahrung mit heimwehgeplagten Gastschülern und kann als Außenstehender meist besser einschätzen, ob das »allgemeine Unwohlsein« vermutlich vorübergehend ist oder ob tatsächlich nur noch eine Rückkehr nach Hause helfen kann.

Keinesfalls sollte man die Entscheidung zur Abreise überstürzt treffen (»Wann geht die nächste Maschine?«). Selbst wenn die Entscheidung für den Abbruch des Programms gefallen ist, sollte man sich bis zum Abflug noch mindestens eine Woche Zeit geben. Die Praxis zeigt immer wieder, dass Gastschüler ihre Meinung ändern bzw. bis dahin »unlösbare Probleme« sich in Luft aufgelöst haben.

Allein die Tatsache, dass man sich über die beiden Phänomene Alltagsfrustration und Heimweh bewusst ist, macht deren Bewältigung ein Stück weit einfacher.

Auch das kann es geben:
Probleme mit der Gastfamilie

Nicht selten sind Probleme mit der Gastfamilie der Auslöser für den Wunsch in sein gewohntes Umfeld in seinem Heimatland zurückzukehren. Trotz sorgfältiger Auswahl der Gasteltern und auch der erkennbaren Bereitschaft der Gastschüler sich an die neuen Gewohnheiten anzupassen, lässt sich das Aufkommen von kleineren und größeren Konflikten oft nicht verhindern. Die Ursachen hierfür sind sehr vielschichtig. Oft stehen die Erwartungen der Gastschüler im krassen Gegensatz zu den meist einfachen und bescheidenen Verhältnissen in ihren Gastfamilien.
Die Tatsache, dass man sich plötzlich selbst organisieren muss, stellt für viele Gastschüler ein zusätzliches Problem dar. Nicht wenige verwechseln die Gastfamilie auch mit einer Art Pension und können gar nicht nachvollziehen, dass sie nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten in ihrer neuen Umgebung zu übernehmen haben.

Aber auch die Familien selbst machen sich trotz Vorbereitung oft falsche Vorstellungen darüber, was es eigentlich heißt, einen Gastschüler oder eine Gastschülerin aufzunehmen.
Wenn man das Gefühl hat, dass man als zusätzliche Arbeitskraft missbraucht wird oder die Gasteltern versuchen, jemanden auf eine penetrante Weise religiös zu beeinflussen, sollte man möglichst umgehend Kontakt zu dem Betreuer vor Ort aufnehmen. Dieser wird in aller Regel einen Schlichtungsversuch unternehmen. Kommt er oder sie zu dem Ergebnis, dass ein Zusammenleben nicht mehr sinnvoll ist, wird er einen Gastfamilienwechsel vorschlagen.

Vorher sollte der Gastschüler jedoch sich selbst und sein Verhalten bereits einmal kritisch hinterfragt haben. Was für ein Problem habe ich eigentlich? Bin ich vielleicht selbst die Ursache des Problems? Oder, bin ich mir sicher, dass das Problem konkret mit meiner derzeitigen Familie zu tun hat und bei einer anderen Familie nicht bestünde? Habe ich versucht, das Problem anzusprechen und gemeinsam mit den Gasteltern nach Lösungsmöglichkeiten gesucht?

Bei aller Unzufriedenheit und Gereiztheit sollte man nicht vergessen, dass von beiden Seiten ein gewisses Maß an Flexibilität und Toleranz im täglichen Zusammenleben erwartet wird. Das Zusammenleben von mehreren Personen unter einem Dach verläuft nie absolut reibungslos. Ein Gastfamilienwechsel sollte immer die letzte Möglichkeit sein und nur bei schwerwiegenden Problemen in Erwägung gezogen werden. Für alle Beteiligte ist dieser Schritt nicht einfach. Ein Wechsel der Gastfamilie ist oft mit einem Ortswechsel und einer neuen Schule verbunden. Der Schritt will deshalb gut überlegt sein.

Trotzdem gilt, dass ein Wechsel keine Katastrophe ist. Dass Menschen selbst bei sorgfältigster Auswahl und Vorbereitung nicht immer zueinander passen, ist im Leben einfach so. Zum Desaster wird ein Wechsel erst durch falschen Umgang mit der Situation.
Ist die Entscheidung für einen Familienwechsel gefallen, so sollte dieser in Würde stattfinden und man sollte darauf verzichten, unnötig »nachzukarten«. Es bringt absolut gar nichts. Für die Zeit, bis eine neue Familie gefunden wird, sollte man sich zusammenreißen, damit es zu keiner weiteren Eskalation kommt.

Notfälle, Krankheiten und Arztbesuch
Die meisten Organisationen verbieten ihren Gastschülern so genannte »gefährliche Unternehmungen«. Darunter fallen Sportarten wie Wasserski, Fallschirmspringen, Bungee Jumping, aber auch das Fahren von Autos und Motorrädern. Dazu kommen Aktivitäten, die zwar nicht verboten sind, aber der ausdrücklichen Zustimmung (schriftliche Erlaubnis) sowohl der Eltern als auch der Austauschorganisation bedürfen. Dies hat vor allem versicherungstechnische Gründe.

Wird aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit ein Arztbesuch notwendig, sollte man diesen gemeinsam mit den Gasteltern unternehmen. Ärztliche Abrechnungen werden direkt im Anschluss an die Behandlung bezahlt.
Um das Geld von der Krankenversicherung zurückzubekommen, muss man ein Antragsformular ausfüllen. Nicht selten stellt man erst im Anschluss daran fest, dass bestimmte Leistungen (oft Zahnbehandlungen) von der Versicherung nicht abgedeckt sind. Deshalb sollte man im Vorfeld von kostenintensiven Arztbesuchen unbedingt den Versicherungsschutz abklären.

Es ist ebenfalls kein Nachteil, ausreichende Mengen an Arzneimitteln mitzunehmen, da diese nicht durch die Krankenversicherung abgedeckt sind. Rezeptpflichtige Medizin muss in versiegelten Packungen transportiert und durch eine ärztliche Verschreibung in englischer Sprache erläutert werden.
Darüber hinaus sollte auch die Gastfamilie mit allen notwendigen Versicherungsdaten und gesundheitlichen Einschränkungen des Gastschülers vertraut sein.

Der Autor:
Dr. Horst Giesler ist Privatdozent an der Universität Gießen und Lehrer an der German International School Sydney. Außerdem ist er Mitinhaber der Schüleraustauschorganisation education downunder.
Er verfügt über hervorragende Landeskenntnisse und ist ein Kenner des australischen Schulsystems. Durch seine mehrjährige Arbeit in Australien kennt er zahlreiche Sprachschulen und High Schools persönlich.

Ein Buch zum Thema Schüleraustausch von ihm ist im Mana Verlag erschienen:

Horst Giesler
Australia calling! Ein Schuljahr in Australien. Als Gastschüler an einer australischen High School
Mana Verlag, 2006

144 Seiten, broschiert, EUR 14,80; ISBN 393403196X

In Australien können Sie das Buch über
hannahgiesler@yahoo.com.au bestellen.

Kontakt zur Schüleraustausch-Organisation:

education downunder GmbH
Schildhof 21
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Tel.: +49 (0)511 – 763 38 49
Fax: +49 (0)511 – 763 38 53
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