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Auswanderer-Story
Die deutsche Architektin Claudia Perren lebt seit zweieinhalb Jahren in Sydney

Zwischen Meer und Palmen - in einem berauschendem Klima...

Wer Claudia Perren besuchen will, der fährt durch die grünen Straßen von Darling Point, einem der Hafenvororte Sydneys. Edle Wohngebäude säumen die Wege, steil geht es plötzlich hinunter Richtung Wasser. Am Ende einer engen, von Felsen gesäumten Auffahrt steht das Apartmenthaus, in dem die Perrens wohnen. In einer luftigen, hellen Wohnung mit Blick aufs Wasser drängen sich Küche, Esszimmer und Sofa. In der einen Ecke steht der Arbeitscomputer von Claudia, in der anderen spielt - zwischen flauschigen Kissen - der fünf Monate alte Paulchen mit seiner Rassel.

Neugierig war ich gewesen zu sehen, wie man als Architektin in Sydney lebt, als jemand, der eine Ausstellung und ein Buch zum Thema „Australische Architektur“ herausgebracht hat. “Mir war es lieber, in einer kleinen Wohnung hier in einem schönen Stadtteil am Meer zu wohnen, als in einem großen Haus mit Pool im Westen von Sydney;“ sagt Claudia Perren während unseres Gespräches. „Auch ein Haus zu kaufen oder zu bauen, kommt für uns erst mal nicht in Frage.“ Mit dieser Einstellung erntet die junge Deutsche Erstaunen bei manchen Australiern, die von früh an hohe Kredite aufnehmen, um ihr Eigenheim zu haben und dafür häufig kaufen und verkaufen und stetig mehr in die Außenbezirke der Millionenmetropole abwandern, um sich weiter vergrößern zu können.

Seit zweieinhalb Jahren lebt die 35-jährige Architektin nun mit ihrem Schweizer Mann Nicolas und zwei Kindern in Australien. Die sieben Jahre alte Lara geht schon zur Schule, während Baby Paulchen zuschaut, wenn die Mama ihre Vorlesungen für die Uni vorbereitet. Denn an der Universität in Sydney lehrt Claudia Perren zwei Tage die Woche Architekturtheorie und Entwurf, wenn sie nicht gerade eine Ausstellung organisiert. Aufsehen hat sie in Deutschland wie in Australien mit ihrem Projekt über kontemporäre australische Architektur erregt, das sie von September 2006 bis September 2007 für das Deutsche Architekturzentrum in Berlin organisierte. „Ich hatte ein Semester Urlaub von der Uni genommen, alles zu schaffen. Am Ende war ich dann schon hochschwanger mit Paulchen und konnte schließlich auch nicht zur Ausstellungseröffnung nach Berlin fahren.“ Denn zwei Tage später hatte sie Geburtstermin und war damit gezwungen, in Down Under zu bleiben. Kurzerhand schickte sie ihren Mann und bestellte ihren Vater, um auf die kleine Lara aufzupassen, falls sie ins Krankenhaus müßte. Ein waghalsiges Unternehmen, das klappte. Denn Nicolas schaffte es doch noch rechtzeitig zurück und war bei der Geburt dabei. Nicolas ist auch Architekt und ebenso unternehmungs- und abenteuerlustig wie seine Frau. Er kam damals vor zweieinhalb Jahren nicht mit dem Linienflieger hier in Sydney an, er flog selbst zusammen mit seinem Vater in einem kleinen, einmotorigen Flugzeug von Zürich nach Australien. Etwas über einen Monat brauchten die beiden Schweizer, dann war die 20000 Kilometer Distanz zwischen den Kontinenten geschafft.

Bevor das Architektenehepaar den Schritt nach Down Under wagte, hat die Familie in Berlin gelebt, Claudias Heimatstadt. Als ziemlich bürokratischen Aufwand empfanden sie den Schritt ans andere Ende der Erde, obwohl Nicolas eigentlich schon den Job in einem australischen Architektenbüro in der Tasche hatte. „Es dauerte über ein Jahr, die Permanent Residency zu bekommen. Wir hätten damals auch nach Los Angeles gehen können, haben uns dann aber für Sydney entschieden.“

Und diesen Schritt haben die Perrens bisher nicht bereut, obwohl Claudia sagt: „Im ersten Jahr hatte ich ziemliches Heimweh, dachte, das ist ja alles schön, aber jetzt kann ich auch wieder nach Hause gehen. Im zweiten Jahre wurde es dann aber besser. Man muss sich schon ein paar Jahre geben, um in die neue Kultur reinzukommen.“

Heute lieben die Perrens die Lebensqualität in Sydney. „Wir finden es einfach schön hier. Das Klima ist berauschend, auch wenn es diesen Sommer viel geregnet hat. Wir genießen, dass die Leute so entspannt sind. Davon kann man viel lernen. Jeder ist freundlich, spricht mit einem. Das macht das Ankommen in einem neuen Land leicht.“ Auch wenn Sydney ihrer Meinung nach nicht soviel Stadtgefühl hat wie Berlin – vor allem nicht soviel Hoch- wie auch Subkultur – so sprechen die Strände direkt in der Stadt für die australische Metropole. „Wir gehen alle gerne Schwimmen oder am Wochenende spazieren wir im Nielson Park und essen ein Eis. Das hat richtig italienisches Flair. Oder wir schlendern am Bondi Beach entlang und beobachten die Surfer.“

Auch Lara fühlt sich in ihrem neuen Zuhause wohl. „Sie leidet zwar an der Distanz zu den Großeltern und zu den alten Freunden, doch sie schreibt immer noch Briefe und hält alles zusammen.“ In der Schule hat sie schnell Anschluss gefunden, obwohl sie kaum Englisch sprach, als sie eingeschult wurde. „Schule ist lockerer, spielerischer hier. Es gibt keinen Stundenplan. Sie haben immer Englisch und Mathe, zweimal die Woche Italienisch, Sport und Schach. Das wars.“

Auch für Nicolas ist die Arbeit als Architekt befriedigend, denn in Australien herrscht nach wie vor ein Bauboom und etliche asiatische Projekte landen ebenfalls auf seinem Schreibtisch. Einiges funktioniert auf dem fünften Kontinent jedoch anders, wie Claudia Perren sagt: „Bauen ist hier grundsätzlich einfacher. Man hat einfach die Wärme- Kältethematik nicht. Hier ist sogar noch eine Einfachverglasung bei großen Fenstern möglich.“ Doch Australien sei reglementierter, als man vermuten wollte. „Ein Freund kaufte ein Terrassenhaus und wollte es nur um einen halben Meter erweitern, dafür musste er Schattenzeichnungen für alle möglichen Tageszeiten machen.“ Auch der Denkmalschutz sei mit langwierigen Prozessen verbunden, sagt Claudia Perren. Doch sie schätzt an der australischen Architektur die modernen, qualitativ hochwertigen Wohngebäude. „In Europa wird die Moderne mit Sozialwohnungen in Verbindung gebracht. Hier sind es keine Massenwohnungen, sondern moderne Inspirationen, und Apartments können Millionen kosten.“

Bevor Claudia Perren an der University of Sydney lehrte, hat sie bereits an der Kunsthochschule in Berlin unterrichtet und vorher in Kassel ihre Doktorarbeit geschrieben. Architektur selbst hatte sie in Berlin, New York und an der ETH in Zürich studiert. „Das Niveau der Lehre ist hier hoch. Falsch ist in meinen Augen jedoch, dass nur mit Numerus Clausus und nicht mit Mappe gearbeitet wird.“ Das schließe schlechtere Schüler aus, die vielleicht ja trotzdem sehr kreativ sein könnten. Immer wieder ist sie jedoch erstaunt, welch gute Ansätze die sehr jungen australischen Studenten mit 19 oder 20 Jahren bereits haben und wie komplex sie Zusammenhänge darstellen können.

Manche Dinge fehlen ihr aus Europa, auch wenn sich die junge Architektin gut in Australien eingelebt hat. „Ich vermisse mehr kulturelle Aktivitäten – alles scheint sich um den Sport zu drehen - und eine anständige Tageszeitung. Meine Eltern hatten jetzt genug von meinem Gejammere und haben mir ein Abo für eine Schweizer Tageszeitung geschenkt. Manchmal vermisse ich aber einfach auch nur die deutsche Sprache. Im Englischen komme ich mir mit 35 wieder wie ein Anfänger vor. „Manche Tage sind super. Da kommt mir Englisch wie Deutsch vor. Und an anderen Tagen habe ich das Gefühl ich verstehe kein Wort. Das kann frustrierend sein.“

Doch an eine Rückkehr nach Berlin oder in Nicolas Heimat nach Zürich denkt die Familie nicht. „Wie lange wir bleiben wollen? Keine Ahnung. Das hängt von den Projekten ab und wie interessant die sind.“ Und auch die Lebensschwerpunkte haben sich für die junge Mutter verschoben. Wo sie auf der Welt lebt, spielt dabei keine so große Rolle mehr: „Heute machen Arbeit und Kinder mein Leben aus. Bei der Arbeit erhole ich mich von den Kindern und bei den Kindern von der Arbeit.“

Das Buch zur erwähnten Ausstellung gibt es in deutscher und englischer Sprache:

Wohnraum Moderne_Australische Architektur
Hrsg.: Claudia Perren und Kristien Ring, Hatje Cantz, 2007, ISBN 978-3-7757-2033-5

Living the Modern_Australian Architecture
Ed. Claudia Perren , Kristien Ring, Hatje Cantz, 2007, ISBN 978-3-7757-2033-5

Text und Photo Credit: Barbara Barkhausen
 
 


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