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Ja
und da saß ich dann: nach wochenlangen Vorbereitungen,
endlosen bürokratischen Details und einem mehr als rasanten
Umzug unserer Möbel. Und? Es fühlte sich eigentlich
mehr wie Urlaub an – nicht wie Auswandern. Und schon gar
nicht wie Auswandern auf die andere Seite der Erde. Doch je
weiter wir in Richtung Down Under flogen, umso nachdenklicher
wurde ich. Dabei hatte eigentlich alles gut funktioniert, Michaels
Versetzung war schnell und reibungslos verlaufen, ich hatte
bei meiner Firma erst einmal unbezahlten Urlaub bekommen und
unsere Wohnung in München hatten wir untervermietet. Alles
schien sich optimal zu fügen, keine Probleme in Sicht,
ein Sicherheitsfallschirm quasi an Bord. Doch ein Anflug von
Nervosität blieb. Was würde uns auf der anderen Seite
erwarten - nach mehr als 20 Stunden Flug von München über
Amsterdam und Singapur bis nach Sydney, Australiens heimlicher
Hauptstadt mit vier Millionen Einwohnern?
Würde
vor allem auch unser gesamtes Hab und Gut ankommen? Denn während
wir schon mal voraus flogen, schipperten unsere Möbel in
einem Container auf der MS Unicorn hinterher. Mindestens sieben
Wochen sollten sie unterwegs sein. Und dann war da ja auch noch
der Zoll. Keine Lebensmittel, nicht mal Salz oder Pfeffer hatten
wir mitnehmen dürfen, Schuhe und Fahrräder mußten
penibel von sämtlichen Erdklümpchen und Staubresten
gereinigt werden. Jede Aspirintablette, jedes Stück Holz
vom Wohnzimmertisch bis zum Kochlöffel musste deklariert
werden. Denn Australien hat Angst vor ungebetenen Einwanderern,
vor Insekten und anderem kleinen Getier. Hört sich übertrieben
an, doch die Australier haben in der Vergangenheit leidvoll
erfahren müssen, was ungebetene Immigranten wie Kaninchen,
Feuerameisen oder harmlos aussehende Seesterne so alles anrichten
können…
Am
2. März 2002 standen wir dann schließlich in unserem
"verheißten" Land. Trotz Jet Lag rannten wir
sofort nach unserer Ankunft zur Oper und einmal quer durch den
Botanischen Garten und konnten unser Glück kaum fassen…
Die
ersten Wochen waren jedoch kein Zuckerschlecken. Sechs Wochen
verbrachten wir im Hotel bevor unsere Möbel ankamen –
sechs Wochen, um unser Leben neu zu organisieren: neues Bankkonto
und Handy und all die Kleinigkeiten, an die man gar nicht gedacht
hatte - einen günstigen Supermarkt, einen Schuster, eine
Reinigung, einen zuverlässigen Friseur und einen neuen
Zahnarzt. Bei vielem verließen wir uns auf Tipps von neuen
Bekannten oder fragten Michaels Kollegen, die alle immer gerne
und bereitwillig halfen. Trotzdem bin ich in den ersten Wochen
nach unserer Ankunft eher durch die Stadt gerannt’ - vom
Taxation Office, unserem abgespeckten Finanzamt, bis zur Immigration
Behörde, von Energy Australia (dem Stromlieferanten) bis
zu Telstra, der australischen Telekom. Und wie verzweifelt habe
ich das Einwohnermeldeamt gesucht und es nicht gefunden –
da es gar nicht existiert. Nicht einmal das deutsche Konsulat
wollte wissen, dass mein Mann Michael und ich jetzt hier wohnen…
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Und
dann die Wohnungssuche. Zunächst dachte ich, das sei ganz
einfach. Denn der australische Mietmarkt war damals ziemlich
am Boden – der Sydney Morning Herald (Sa. und Mi.) war
voll von Mietangeboten, und bei den Besichtigungsterminen war
man höchstens zu zweit. Mieten waren verhandelbar, und
manche Eigentümer boten sogar einen Monat mietfreies Wohnen,
nur um Ihr Appartment oder Haus an den Mann oder die Frau zu
bringen. Doch etwa 60 Prozent der so hoch gepriesenen Wohnungen
waren nach deutschem Standard eigentlich nicht zu bewohnen,
da Schmutz, Spinnweben und Kakerlaken augenscheinlich Überhand
gewonnen hatten. Und zudem kam noch der Kampf mit dem sogenannten
Real Estate Agent, dem australischen Makler. Der bekommt sein
Geld hier vom Vermieter und schert sich meist kein bisschen
um die Belange des Mieters, geschweige denn, dass er Anrufe
oder Briefe beantwortet. All diese Erfahrungen haben wir natürlich
auch machen müssen. Als wir am ersten Tag unserer Mietzeit
in die Wohnung kamen, war der Teppich noch von der etwas zu
kurzfristigen Reinigung patschnass, die Toilettenspülung
arbeitete genau nur einmal alle 24 Stunden, der Backofen war
komplett verkohlt, die Dunstabzugshaube kaputt, die Schränke
voller Schimmel und der Strom nicht – wie eigentlich versprochen
– angestellt. Hätte nicht am gleichen Tag unser Tags
zuvor erstandenes "neues/altes" Auto seinen Geist
aufgegeben und wäre ich nicht ebenfalls kurz davor mit
gelben Haaren (statt dezenten Strähnchen) aus dem Friseurladen
gekommen, hätte ich vielleicht die Ruhe bewahrt…
Bis
alles endlich in geregelten Bahnen verlief, dauerte es mehrere
Wochen, denn der Elektriker wurde "durch den Regen aufgehalten",
und der Makler hatte doch ganz vergessen, unsere Genehmigung
zum Bilderaufhängen vom Besitzer an uns weiterzuleiten.
Denn in Australien muss jeder Nagel, der in eine Wand geschlagen
wird, vom Besitzer der Wohnung genehmigt werden! Und so wurde
zum Beispiel unsere Garderobe abgelehnt. Die Schrauben würden
die Wand zu sehr beschädigen, so die offizielle Begründung.
Eigentlich
brauchte ich mich aber gar nicht zu beschweren. Bei zwei befreundeten
Paaren von uns war gleich nach dem Einzug eingebrochen worden
(das passiert in Sydney deutlich häufiger als in Deutschland)
und andere hatten sich mit Huntsmen (große, aber harmlose
Spinnen) und Kakerlaken herumgeschlagen. Wir dagegen hatten
seit unserem Einzug erst zwei lebende Riesen-Kakerlaken gefunden.
Das sei ein guter Durchschnitt, hatte mir eine Verkäuferin
im Supermarkt wenig später erklärt, als ich etwas
hilflos vor der riesigen Auswahl an Kakerlaken-, Spinnen-, Termiten-
und Insektenbekämpfungsmitteln stand. Und überhaupt
seien nur die ganz kleinen Kakerlaken bedenklich, denn diese
würden sich unkontrolliert vermehren. Das trug damals nicht
unbedingt zu meiner Beruhigung bei…
Aber
"no worries" ("keine Sorge"), wie der Australier
so gerne und häufig sagt, mit der Zeit wird das schon alles.
Und so war es auch... Jede Woche regelte sich ein anderes Detail,
ich musste erkennen, dass sich der Australier nicht gerne drängeln
läßt und lernte, mich einfach etwas mehr in Geduld
zu üben als zu Hause. Recht schnell erkannte ich, dass
es viel besser war, unseren neuen tollen Ausblick aufs Meer
zu genießen und den Papageien auf unserem Fenstersims
beim Spielen zuzuschauen, als mich über Klempner, Makler
und Co zu ärgern…
Parallel
zur Organisation unserer grundlegenden Bedürfnisse schaute
ich mich auch nach Jobs um. Ich wollte nicht nur weiterhin für
deutsche Firmen arbeiten, sondern auch neue Erfahrung in Australien
sammeln. Von vielen neuen Bekannten hörte ich, dass viele
jüngere Frauen als Assistentin oder Rezeptionistin arbeiten.
Es sei oft auch nach einem Uniabschluss üblich, dass man
sich erst einmal von unten hocharbeiten müsse. Und mich
würde ja auch noch keiner kennen. Somit schraubte ich meine
Vorstellungen etwas zurück, vor allem als ich auch erkennen
musste, dass die Gehälter zumindest in meinem Bereich deutlich
niedriger als in Deutschland ausfielen. Zu Anfang waren mir
Jobvermittlungsagenturen, die es übrigens beinahe für
jede Berufssparte gibt, von großer Hilfe. Und bei der
Agentur Geoffrey Nathan wurde ich schließlich fündig.
Hier ging man nicht nur auf meine Talente ein und kümmerte
sich sehr persönlich um mich, sondern half auch bei Bewerbungen
(kostenlose lokale Telefonate und die Nutzung von PCs, e-Mail,
Kopierer, Fax) und gab Steuertipps für Ausländer.
Vier Wochen nach unserer Ankunft hatte ich einen Job, der auch
noch ganz gut zu meiner journalistischen Arbeit zu Hause in
Deutschland passte. Ich übersetzte Internetseiten von Englisch
auf Deutsch und kümmerte mich wenig später auch um
die deutsche Pressearbeit des jungen Start-Up-Unternehmens.
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Als
recht unterschiedlich empfand ich dann aber die Arbeitssituation,
was daran liegen kann, dass die Medienunternehmen in Deutschland
meist recht locker sind und die Atmosphäre kollegial. Hier
musste ich die Erfahrung machen, dass man nicht unbedingt zusammen
Mittagessen ging, manche Leute einfach nicht wieder auftauchten
(ohne offizielle Kündigung, Zeugnis oder Abschiedsfeier)
und das Verhältnis Männer-Frauen ein anderes war.
Mein Vorgesetzter sprach zum Beispiel lieber mit dem männlichen
Kollegen, der dann neue Instruktionen an mich weitervermitteln
sollte. All das bezieht sich natürlich nur auf meine Firma
hier, doch auch von Bekannten hörte ich zum Beispiel, dass
auf der Liste für den Küchendienst sämtliche
Frauen des Büros, aber kein einziger Mann standen. Ich
bin nicht übertrieben emanzipiert – doch in den ersten
Monaten musste ich schon manchmal schlucken, wenn mich der Makler
oder der Autoverkäufer ignorierten und betont nur mit meinem
Mann sprachen. Heute kann ich bei solchen Situationen oft schmunzeln
und mir denken. "Das ist halt ein echter 'Bloke'"
(ein "harter Kerl" – wie sich manche Australier
gerne nennen).
All
das sind natürlich persönliche Erfahrungen und andere
Einwanderer werden ganz andere Erlebnisse gemacht haben oder
machen. Ich kann im Moment nur sagen, dass ich trotz all der
vielen kleineren und manchmal auch größeren Probleme
unseren Schritt bisher nie bereut habe. Sydney ist eine wunderschöne
Stadt und das australische Wildlife - selbst mitten in der Großstadt
- versetzt mich auch nach Monaten noch in völlige Begeisterung:
Papageien, Possums (Beuteltiere, die auf Bäumen leben),
Kookaburras (erinnern an unsere Eisvögel) und manchmal
sogar Pinguine – alles quasi in der Nachbarschaft... Der
beste Moment ist für mich eigentlich immer, wenn ich die
Fähre am Circular Quay besteige – mir ein warmer
Wind um die Nase bläst, zur linken die Harbour Bridge ins
Bild kommt und zur rechten die Oper. Dann habe ich das Gefühl,
am schönsten Ort dieser Erde zu sein!
Manchmal
denke ich, das Ganze ist einfach wie eine Beziehung. Am Anfang
sieht man alles durch die rosarote Brille, alles ist wunderschön
und am liebsten will man die Zeit anhalten. Doch dann kommen
die ersten Macken zu Tage und schließlich stößt
man auch mal auf richtige Probleme. Doch wenn die Beziehung
dann immer noch hält, dann ist es die echte, wahre Liebe.
Barbaras
Beziehung zu Australien hält nun schon ziemlich lange.
Seit 2003 ist sie auch Mutter einer kleinen Tochter, die inzwischen
schon munter auf Englisch und auf Deutsch plappert und weiß:
"Mama und Papa wohnen in Australien und Oma und Opa in
Deutschland."
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