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Auswandern leicht gemacht
Die australische Wirtschaft boomt; das Land sucht Einwanderer aus allen möglichen Berufen. Ein neues Leben wartet dort auf einen, eine neue Welt voller Unwägbarkeiten, Heimweh, Problemen, Neugier und Abenteuer.
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Barbara Barkhausen ist Journalistin und im März 2002 mit ihrem Mann Michael von München nach Sydney gezogen. 

Seitdem wir in Australien in Urlaub gewesen waren, war das Land unser großer Traum gewesen. Da wollten wir wieder hin – nicht nur auf Urlaub, sondern zum Leben, Arbeiten – einfach ein ganz neues Leben anfangen… Doch die australischen Behörden machen einem diesen Wunsch nicht einfach und bei einem ersten Blick auf die Internetseite der Einwanderungsbehörde wurde uns etwas mulmig zumute. Wir hatten keine Verwandten in Australien, waren weder Krankenschwester noch Buchhalter – würden wir genügend Punkte für eine Aufenthaltsgenehmigung sammeln können? Schneller als gedacht kam uns jedoch der Zufall zu Hilfe und etwas, was sehr typisch für Australien ist. Während unseres Urlaubes hatten wir das Büro der Firma meines Mannes in Sydney besucht. Er hatte in einigen Fragen helfen können und man blieb in Kontakt. Als wenige Monate nach unserem Urlaub dann schließlich Not am Mann in seinem Bereich war, erinnerte man sich an den Besuch, der sich ja schon mal als ganz nützlich erwiesen hatte. Kurz vor Weihnachten fragte man schließlich in München an, wir überlegten keine drei Minuten und im März darauf bestiegen Michael und ich den Flieger nach Australien...

Ja und da saß ich dann: nach wochenlangen Vorbereitungen, endlosen bürokratischen Details und einem mehr als rasanten Umzug unserer Möbel. Und? Es fühlte sich eigentlich mehr wie Urlaub an – nicht wie Auswandern. Und schon gar nicht wie Auswandern auf die andere Seite der Erde. Doch je weiter wir in Richtung Down Under flogen, umso nachdenklicher wurde ich. Dabei hatte eigentlich alles gut funktioniert, Michaels Versetzung war schnell und reibungslos verlaufen, ich hatte bei meiner Firma erst einmal unbezahlten Urlaub bekommen und unsere Wohnung in München hatten wir untervermietet. Alles schien sich optimal zu fügen, keine Probleme in Sicht, ein Sicherheitsfallschirm quasi an Bord. Doch ein Anflug von Nervosität blieb. Was würde uns auf der anderen Seite erwarten - nach mehr als 20 Stunden Flug von München über Amsterdam und Singapur bis nach Sydney, Australiens heimlicher Hauptstadt mit vier Millionen Einwohnern?

Würde vor allem auch unser gesamtes Hab und Gut ankommen? Denn während wir schon mal voraus flogen, schipperten unsere Möbel in einem Container auf der MS Unicorn hinterher. Mindestens sieben Wochen sollten sie unterwegs sein. Und dann war da ja auch noch der Zoll. Keine Lebensmittel, nicht mal Salz oder Pfeffer hatten wir mitnehmen dürfen, Schuhe und Fahrräder mußten penibel von sämtlichen Erdklümpchen und Staubresten gereinigt werden. Jede Aspirintablette, jedes Stück Holz vom Wohnzimmertisch bis zum Kochlöffel musste deklariert werden. Denn Australien hat Angst vor ungebetenen Einwanderern, vor Insekten und anderem kleinen Getier. Hört sich übertrieben an, doch die Australier haben in der Vergangenheit leidvoll erfahren müssen, was ungebetene Immigranten wie Kaninchen, Feuerameisen oder harmlos aussehende Seesterne so alles anrichten können…

Am 2. März 2002 standen wir dann schließlich in unserem "verheißten" Land. Trotz Jet Lag rannten wir sofort nach unserer Ankunft zur Oper und einmal quer durch den Botanischen Garten und konnten unser Glück kaum fassen…

Die ersten Wochen waren jedoch kein Zuckerschlecken. Sechs Wochen verbrachten wir im Hotel bevor unsere Möbel ankamen – sechs Wochen, um unser Leben neu zu organisieren: neues Bankkonto und Handy und all die Kleinigkeiten, an die man gar nicht gedacht hatte - einen günstigen Supermarkt, einen Schuster, eine Reinigung, einen zuverlässigen Friseur und einen neuen Zahnarzt. Bei vielem verließen wir uns auf Tipps von neuen Bekannten oder fragten Michaels Kollegen, die alle immer gerne und bereitwillig halfen. Trotzdem bin ich in den ersten Wochen nach unserer Ankunft eher durch die Stadt gerannt’ - vom Taxation Office, unserem abgespeckten Finanzamt, bis zur Immigration Behörde, von Energy Australia (dem Stromlieferanten) bis zu Telstra, der australischen Telekom. Und wie verzweifelt habe ich das Einwohnermeldeamt gesucht und es nicht gefunden – da es gar nicht existiert. Nicht einmal das deutsche Konsulat wollte wissen, dass mein Mann Michael und ich jetzt hier wohnen…

Und dann die Wohnungssuche. Zunächst dachte ich, das sei ganz einfach. Denn der australische Mietmarkt war damals ziemlich am Boden – der Sydney Morning Herald (Sa. und Mi.) war voll von Mietangeboten, und bei den Besichtigungsterminen war man höchstens zu zweit. Mieten waren verhandelbar, und manche Eigentümer boten sogar einen Monat mietfreies Wohnen, nur um Ihr Appartment oder Haus an den Mann oder die Frau zu bringen. Doch etwa 60 Prozent der so hoch gepriesenen Wohnungen waren nach deutschem Standard eigentlich nicht zu bewohnen, da Schmutz, Spinnweben und Kakerlaken augenscheinlich Überhand gewonnen hatten. Und zudem kam noch der Kampf mit dem sogenannten Real Estate Agent, dem australischen Makler. Der bekommt sein Geld hier vom Vermieter und schert sich meist kein bisschen um die Belange des Mieters, geschweige denn, dass er Anrufe oder Briefe beantwortet. All diese Erfahrungen haben wir natürlich auch machen müssen. Als wir am ersten Tag unserer Mietzeit in die Wohnung kamen, war der Teppich noch von der etwas zu kurzfristigen Reinigung patschnass, die Toilettenspülung arbeitete genau nur einmal alle 24 Stunden, der Backofen war komplett verkohlt, die Dunstabzugshaube kaputt, die Schränke voller Schimmel und der Strom nicht – wie eigentlich versprochen – angestellt. Hätte nicht am gleichen Tag unser Tags zuvor erstandenes "neues/altes" Auto seinen Geist aufgegeben und wäre ich nicht ebenfalls kurz davor mit gelben Haaren (statt dezenten Strähnchen) aus dem Friseurladen gekommen, hätte ich vielleicht die Ruhe bewahrt…

Bis alles endlich in geregelten Bahnen verlief, dauerte es mehrere Wochen, denn der Elektriker wurde "durch den Regen aufgehalten", und der Makler hatte doch ganz vergessen, unsere Genehmigung zum Bilderaufhängen vom Besitzer an uns weiterzuleiten. Denn in Australien muss jeder Nagel, der in eine Wand geschlagen wird, vom Besitzer der Wohnung genehmigt werden! Und so wurde zum Beispiel unsere Garderobe abgelehnt. Die Schrauben würden die Wand zu sehr beschädigen, so die offizielle Begründung.

Eigentlich brauchte ich mich aber gar nicht zu beschweren. Bei zwei befreundeten Paaren von uns war gleich nach dem Einzug eingebrochen worden (das passiert in Sydney deutlich häufiger als in Deutschland) und andere hatten sich mit Huntsmen (große, aber harmlose Spinnen) und Kakerlaken herumgeschlagen. Wir dagegen hatten seit unserem Einzug erst zwei lebende Riesen-Kakerlaken gefunden. Das sei ein guter Durchschnitt, hatte mir eine Verkäuferin im Supermarkt wenig später erklärt, als ich etwas hilflos vor der riesigen Auswahl an Kakerlaken-, Spinnen-, Termiten- und Insektenbekämpfungsmitteln stand. Und überhaupt seien nur die ganz kleinen Kakerlaken bedenklich, denn diese würden sich unkontrolliert vermehren. Das trug damals nicht unbedingt zu meiner Beruhigung bei…

Aber "no worries" ("keine Sorge"), wie der Australier so gerne und häufig sagt, mit der Zeit wird das schon alles. Und so war es auch... Jede Woche regelte sich ein anderes Detail, ich musste erkennen, dass sich der Australier nicht gerne drängeln läßt und lernte, mich einfach etwas mehr in Geduld zu üben als zu Hause. Recht schnell erkannte ich, dass es viel besser war, unseren neuen tollen Ausblick aufs Meer zu genießen und den Papageien auf unserem Fenstersims beim Spielen zuzuschauen, als mich über Klempner, Makler und Co zu ärgern…

Parallel zur Organisation unserer grundlegenden Bedürfnisse schaute ich mich auch nach Jobs um. Ich wollte nicht nur weiterhin für deutsche Firmen arbeiten, sondern auch neue Erfahrung in Australien sammeln. Von vielen neuen Bekannten hörte ich, dass viele jüngere Frauen als Assistentin oder Rezeptionistin arbeiten. Es sei oft auch nach einem Uniabschluss üblich, dass man sich erst einmal von unten hocharbeiten müsse. Und mich würde ja auch noch keiner kennen. Somit schraubte ich meine Vorstellungen etwas zurück, vor allem als ich auch erkennen musste, dass die Gehälter zumindest in meinem Bereich deutlich niedriger als in Deutschland ausfielen. Zu Anfang waren mir Jobvermittlungsagenturen, die es übrigens beinahe für jede Berufssparte gibt, von großer Hilfe. Und bei der Agentur Geoffrey Nathan wurde ich schließlich fündig. Hier ging man nicht nur auf meine Talente ein und kümmerte sich sehr persönlich um mich, sondern half auch bei Bewerbungen (kostenlose lokale Telefonate und die Nutzung von PCs, e-Mail, Kopierer, Fax) und gab Steuertipps für Ausländer. Vier Wochen nach unserer Ankunft hatte ich einen Job, der auch noch ganz gut zu meiner journalistischen Arbeit zu Hause in Deutschland passte. Ich übersetzte Internetseiten von Englisch auf Deutsch und kümmerte mich wenig später auch um die deutsche Pressearbeit des jungen Start-Up-Unternehmens.

Als recht unterschiedlich empfand ich dann aber die Arbeitssituation, was daran liegen kann, dass die Medienunternehmen in Deutschland meist recht locker sind und die Atmosphäre kollegial. Hier musste ich die Erfahrung machen, dass man nicht unbedingt zusammen Mittagessen ging, manche Leute einfach nicht wieder auftauchten (ohne offizielle Kündigung, Zeugnis oder Abschiedsfeier) und das Verhältnis Männer-Frauen ein anderes war. Mein Vorgesetzter sprach zum Beispiel lieber mit dem männlichen Kollegen, der dann neue Instruktionen an mich weitervermitteln sollte. All das bezieht sich natürlich nur auf meine Firma hier, doch auch von Bekannten hörte ich zum Beispiel, dass auf der Liste für den Küchendienst sämtliche Frauen des Büros, aber kein einziger Mann standen. Ich bin nicht übertrieben emanzipiert – doch in den ersten Monaten musste ich schon manchmal schlucken, wenn mich der Makler oder der Autoverkäufer ignorierten und betont nur mit meinem Mann sprachen. Heute kann ich bei solchen Situationen oft schmunzeln und mir denken. "Das ist halt ein echter 'Bloke'" (ein "harter Kerl" – wie sich manche Australier gerne nennen).

All das sind natürlich persönliche Erfahrungen und andere Einwanderer werden ganz andere Erlebnisse gemacht haben oder machen. Ich kann im Moment nur sagen, dass ich trotz all der vielen kleineren und manchmal auch größeren Probleme unseren Schritt bisher nie bereut habe. Sydney ist eine wunderschöne Stadt und das australische Wildlife - selbst mitten in der Großstadt - versetzt mich auch nach Monaten noch in völlige Begeisterung: Papageien, Possums (Beuteltiere, die auf Bäumen leben), Kookaburras (erinnern an unsere Eisvögel) und manchmal sogar Pinguine – alles quasi in der Nachbarschaft... Der beste Moment ist für mich eigentlich immer, wenn ich die Fähre am Circular Quay besteige – mir ein warmer Wind um die Nase bläst, zur linken die Harbour Bridge ins Bild kommt und zur rechten die Oper. Dann habe ich das Gefühl, am schönsten Ort dieser Erde zu sein!

Manchmal denke ich, das Ganze ist einfach wie eine Beziehung. Am Anfang sieht man alles durch die rosarote Brille, alles ist wunderschön und am liebsten will man die Zeit anhalten. Doch dann kommen die ersten Macken zu Tage und schließlich stößt man auch mal auf richtige Probleme. Doch wenn die Beziehung dann immer noch hält, dann ist es die echte, wahre Liebe.

Barbaras Beziehung zu Australien hält nun schon ziemlich lange. Seit 2003 ist sie auch Mutter einer kleinen Tochter, die inzwischen schon munter auf Englisch und auf Deutsch plappert und weiß: "Mama und Papa wohnen in Australien und Oma und Opa in Deutschland."

 
 

 

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