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Ein persönlicher Bericht der deutschen
Journalistin Sonja Görnitz, die inzwischen fest in Sydney
lebt und arbeitet. www.sonjagoernitz.com.
Praktikum
Down Under
Nur Hartnäckigkeit führt zum
Ziel
Im Studiengang Mediendokumentation an der Fachhochschule Hamburg
(FH) ist für das vierte Semester ein Praktikum vorgesehen.
Ich hatte die Wahl zwischen einem Sender in Hamburg und einer
Filmproduktionsfirma in Brisbane, Australien. Auf Grund der
Zusage für zwei Stipendien von der Karl-Heinz-Ditze Stiftung
und der Carl Duisberg Gesellschaft entschied ich mich für
Australien.
Dort angekommen, platzte aber das Praktikum
beim Film. Plötzlich musste ich alles neu organisieren.
Das Ziel: Finde schnell einen neuen Praktikumsplatz in Australien!
Ich griff auf zwei Angebote zurück: im Archiv der Sydney
Theatre Company für zehn Stunden pro Woche, dann bei dem
Fernsehsender Network TEN in Melbourne für eine Woche.
Die zeitlichen Begrenzungen ließen sich nicht mit den
Anforderungen der FH und den Stiftungen vereinbaren. Aber um
einen Fuß in der Tür zu haben, entschied ich mich,
sie anzunehmen und nebenbei weiterzusuchen.
Die Sydney Theatre Company veranstaltet
Theateraufführungen. Im Archiv (ohne Fenster) sortierte
ich Programme, Pressetexte, Poster, Fotos, Skripte und Briefe
in ein Ablagesystem aus markierten Kartons und Umschlägen.
Für meine Mitarbeit bekam ich je zwei Freikarten für
Aufführungen im Opernhaus.
Ich fuhr nach Melbourne für mein
Praktikum bei Network TEN. Eine Woche durfte ich mit den Reportern
unterwegs sein. Dabei saß ich mit Jeff Kenneth, dem Premier
Minister vom Staat Victoria, im Supreme Court, als er seinen
Prozess gegen die Herald Sun verlor. Am zweiten Tag war ich
auf den drei großen, kommerziellen Sendern in den Abendnachrichten
in ganz Australien zu sehen, weil ich für eine Geschichte
Modell stand. Bei einem Dreh zum Abriss eines historischen Gebäudes
ließ mich Reporter James Sutherland einen „Stand
Up“ machen. Er wurde zum Kameramann, ich zur Reporterin.
Die Aufnahme war lustig – aber nicht sendefähig.
Mit einigem Bitten (Flehen) war es möglich, das Praktikum
um eine Woche zu verlängern.
In dem kleinen Archiv mit Glaswänden
packte ich mit an: Bildmaterial nach Zahlencodes sortieren,
recherchieren in der Datenbank, Filmstellen finden und indexieren.
Hier kamen Kenntnisse aus meinem Studium zum Einsatz. Nach zwei
Wochen war leider kein Platz mehr für mich bei Network
TEN. Die drei Bewerbungen auf interne Stellenausschreibungen
halfen auch nicht. Die Suche ging weiter.
Ich surfte im Internet, schrieb Email-Bewerbungen
und rief die Firmen an, deren Nummern ich im Telefonbuch und
in Medienverzeichnissen fand. Ich kaufte die Wochenendausgaben
der Tageszeitungen The Sydney Morning Herald, The Age und The
Advertiser wegen der Stellenausschreibungen, schrieb viele Bewerbungen
und bekam nur Absagen. Woche für Woche stieg die Spannung,
weil ich der Fachhochschule und den Stiftungen keinen Erfolg
melden konnte. Mein Ordner füllte sich mit Briefen, und
ich überlegte mir neue Recherchemethoden.
Von der Frankfurter Buchmesse hatte ich
Visitenkarten australischer Aussteller. Per Email erkundigte
ich mich nach Praktika und sprach mit der Assistentin der Geschäftsleiterin
von Murdoch Books in Sydney. Wir trafen uns zum Kaffee und freundeten
uns an – eine Stelle gab es leider nicht.
Ich suchte nach weiteren Möglichkeiten
in der Mediendokumentation und erkundigte mich bei den deutschen
Konsulaten in Sydney, Melbourne, Adelaide und Perth und der
deutschen Botschaft in Canberra, ob ich ein Praktikum im Archiv
absolvieren könnte. Bis auf eine Einladung ins deutsche
Konsulat in Melbourne und einem netten Gespräch mit einem
Konsul war auch dies nicht erfolgreich.
Ich wandte mich an die Deutsch-Australische
Industrie- und Handelskammer und schaltete eine Annonce in deren
Magazin, das alle drei Monate erscheint und etwa 1000 Firmen
in Australien erreicht. Erst Wochen später – als
ich mich schon „etabliert“ hatte, erhielt ich den
Serienbrief einer Agentur an deutsche Ausländer für
Übersetzungstätigkeiten.
Noch in Melbourne rief ich beim Goethe-Institut
an, wurde spontan zum Vorstellungsgespräch eingeladen und
bekam die Zusage für ein Praktikum ab Juli. Es war März,
und das Institut befand sich in einer Umstrukturierung für
die nächsten drei Monate. Vorsichtshalber nahm ich das
Angebot an.
In Sydney bewarb ich mich bei mehreren
Arbeitsagenturen und erhielt ein Angebot für eine Stelle
im Archiv des Fernsehsenders SBS. Der Hoffnung folgte wieder
eine Enttäuschung. Die Absage kam mit der Begründung,
ich sei „overqualified“. Am Telefon versuchte ich
noch zu verdeutlichen, ich sei keineswegs überqualifiziert
– ohne Erfolg.
In Melbourne ging ich direkt zur Herald Sun und fragte, ob ich
als deutsche Studentin die Dokumentation des Verlags sehen dürfte
– mit dem Hintergedanken, Kontakte für ein Praktikum
zu knüpfen. Eine Dame zeigte mir das Text- und Bildarchiv
und die lebhafte Redaktion. Die Herald Sun wäre ideal für
ein Praktikum gewesen. Ich erhielt die Telefonnummer der Kontaktperson,
aber sie war leider für Wochen im Urlaub.
Auf dieselbe Weise versuchte ich mein
Glück bei IBM in Sydney: In der Lobby fragte ich diesmal
direkt nach einem Praktikum. Die Rezeptionistin gab mir die
Nummer der Agentur Drake und ein Telefon. Drake testete am nächsten
Tag viereinhalb Stunden lang meine Computerkenntnisse, mein
Englisch und meine Persönlichkeit. Dann die Erlösung:
Das Angebot für ein Praktikum bei IBM! Alles klang gut,
ich sagte zu. Ich mailte die guten Neuigkeiten an die Fachhochschule
und die Stiftungen und bekam grünes Licht für das
Praktikum. Am Ziel frage ich mich: War die Suche selbst nicht
auch schon ein Praktikum?
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