|
Viva Austrälia
Ich kauf mir was
John und ich haben eine große Bitte an alle Konsumenten.
Bitte hört auf Geld auszugeben, das ihr nicht besitzt.
Wir wollen einfach nicht mehr für Leute „bestraft“
werden, die ständig ihre Kreditkarten zücken, aber
kein Geld auf dem Konto haben. Oder wie sonst ist die Aussage
zu verstehen, dass der Leitzins erhöht werden muss, weil
die Australier zu viel Geld ausgeben? Und könnte mal jemand
dem Harvey erzählen, niemand braucht Konsumgüter,
die er sich nicht leisten kann. Schluss mit der Werbung –
Kauf heute – bezahl drei Generationen später!
Auch bei dem Angebot – Kauf 2, ramsch dir das dritte Teil
für den halben Preis – spart man nicht wirklich.
Logik sagt zwar bei diesem verführerischen Angebot, je
mehr Geld man ausgibt, je mehr spart man, aber hey – dem
ist nicht so.
Je mehr Geld man ausgibt, je mehr Geld gibt man aus. Da gibt’s
kein Drehen und Wenden, wie es gerade dem Konsumentenhirn passt.
Kaufentscheidung treffen, Ware auf Verkaufstresen legen, Geld
dem Verkäufer hinlegen, Verkäufer nimmt Geld, Geld
wech, knisternde Scheine und klimpernde Münzen auf Konto
von Geschäftsinhaber, Geschäftsinhaber auf Weltreise,
Konsumenten-Portemonnaie leer - langes Gesicht, Geschäftsinhaber
hält sich vor lauter Lachen den Bauch und stopft sich erlesene
Speisen in den Rachen, Konsument isst Fish ’n Chips, Konsument
fühlt sich schlecht, Konsument geht einkaufen, Inhaber
hat Dauergrinsen im Gesicht.
Meine Version von „Volkswirtschaft leicht gemacht“
- gepaart mit Lebenserfahrung. Aber das Schärfste kommt
ja noch. Weil in Amerika die Banken zu viel Geld an Menschen
verliehen haben, die sich dann wiederum Häuser davon gekauft
haben, die sie sich nicht leisten konnten und viele ausländische
Banken Geld in diese Hypotheken investiert haben, weil sie dachten
– hey geil lass uns mal Milliarden verdienen, indem wir
Geld verleihen, was uns gar nicht wirklich gehört - steigen
bei uns die Zinsen. Oder habe ich das missverstanden? Ich lasse
mich gerne aufklären, man will ja keinen Unsinn erzählen.
Kann mal jemand dieses Karussell stoppen? Ich will aussteigen.
Auf unserer Telefonrechnung steht ja schon seit langem der
Posten 2 $ dafür, dass wir der Telefongesellschaft keine
Einzugsermächtigung erteilt haben. Nein, meine Lieben,
wir möchten auch nicht, dass Hinz und Kunz Zugriff auf
unser Konto hat. Wozu? Wir zahlen unsere Rechnungen pünktlich.
Jetzt stehen 2 $ zusätzlich drauf, für die Ehre eine
Rechnung geschickt zu bekommen. Bislang war ich immer der Meinung,
wer Geschäftsbeziehungen pflegt, schreibt Rechnungen, für
dessen Aufwand er den Verbraucher nicht finanziell belangt,
weil ähm – ja wie soll ich es jetzt sagen –
man sonst dem Kunden Geld für das Privileg dafür aus
der Tasche leiert, ähm Kunde zu sein. Ja, ich glaube das
trifft ganz gut, wie ich es empfinde. Ich muss keine Papierrechnung
mit der Post empfangen. Ich möchte aber verdammt noch mal
rechtzeitig darüber aufgeklärt werden und eine Wahlmöglichkeit
haben und nicht klammheimlich hier 2 $ und da 2 $ mehr berechnet
bekommen. Das regt mich total auf. Es regt mich auf, wenn so
etwas nicht ganz deutlich in großen Buchstaben auf der
letzten Rechnung steht. Ich möchte kein Elektronenrastermikroskop
benutzen müssen, um über Änderungen informiert
zu werden. Ich fühle mich verarscht – auch wenn ich
eine 20/20 Sehkraft habe. Adleraugen habe ich deshalb noch nicht.
Wie seht ihr das? Ist euch das auch passiert, dass ihr erst
Monate später gesehen habt, dass Gebühren erhoben
werden, die kürzlich noch nicht da waren?
PS John ist etwas mehr ergraut, weil Jaime mit einem Cricketball
meine Heckscheibe zerdeppert hat – Kostenpunkt 750 $ -
Selbstbeteiligung – 500 $. Keine drei Wochen vorher hatte
John mit einem – Überraschung – Cricketball
Marcos Fensterscheibe zerdeppert. Kosten um die 90 $. Die Autosteuern
sind fällig – über 500 $. Meine Reisekrankenversicherung
ist fällig – Kosten – 500 $. Ein neues Bett
plus super Matraze gekauft – Kostenpunkt – wollt
ihr jetzt nicht wirklich wissen. Tickets mit einem weinenden
Auge bezahlt – Preis – unerhört.
Die gute Nachricht – ich freue mich wahnsinnig auf meine
Familie in Deutschland. Endlich kann ich mal wieder an vier
Geburtstagen teilnehmen. Schade ist nur, dass in der Zeit Marco
20 Jahre alt wird, John 43 Jahre alt wird – Jaime und
ich nicht da sein werden, aber so ist immer was – wie
man es auch dreht, irgendjemand missed out – das ist das
Los der Auswanderer.
Dem Hund geht’s gut.
Diskutiert im neuen Forum mit Renate
mit - wir haben extra eine Plauderecke für all die bunten
Themen eingerichtet. Hier gehts
zum Forum.
Gestatten: Familie
Norder/Cook, Berwick– 45 Kilometer südöstlich
von Melbourne
Renate,
41 Jahre, vor neun Jahren der Liebe wegen von Deutschland
nach Australien ausgewandert – noch ohne Midlife
Crisis, aber manchmal mit Australien-Krise.
John,
41 Jahre, leidenschaftlicher Australier, zwangsläufig
der deutschen Kultur ausgeliefert – weigert sich
standhaft Rotkohl und Sauerkraut zu essen.
Marco,
19 Jahre, Student der Betriebswirtschaft & Kommunikation,
Deutsch-Australier – neben Uni, Nebenjobs und Sport,
findet er immer noch ausreichend Zeit im Kühlschrank
nach Essbarem zu kramen, spart fleißig, um bald
als Rucksacktourist durch Europa zu pilgern.
Jaime,
7 Jahre, Grade 2 der Primary School, war sechs Jahre lang
überzeugter Aussie – ihm hat Deutschland im
Urlaub so gut gefallen, dass er demnächst dorthin
ziehen will.
Ellie,
10 Jahre, Red Heeler-Bullterrier Mischling – jagt
gerne Magpies. |
Renate Norder ist freiberufliche
Schriftstellerin und begeisterte Bloggerin, wenn sie sich nicht
gerade um ihre drei Männer und den Magpie jagenden Hund
kümmert. Sie schreibt einmal die Woche auf der InfobahnAustralia,
wie sich das Leben auf der Südhalbkugel so anfühlt.
Wer ihr eine e-Mail schreiben möchte, kann dies tun unter
nochnuser@hotmail.com
Foto Credit: Renate Norder |