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Literarisches Down Under
Oder was das wahre Leben am anderen Ende der Welt so schreibt...

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Viva Austrälia

Kakerlaken und andere australische Freuden...

Kakerlaken, sagte mir John, wären die einzigen Lebewesen, die unbeschadet einen nuklearen Angriff überleben könnten. Hätte er mal im TV gesehen. Das fand ich richtig gruselig – die Vorstellung, dass alles weitere Leben sich in Millionen von weiteren Jahren aus Kakerlaken entwickeln sollte. Ich saß mal wieder auf der Veranda, dieses Mal abends, es war schon dunkel. Plötzlich sehe ich etwas Schwarz-gepanzertes über die Armlehne huschen, auf der ich wenige Sekunden vorher noch meinen Arm liegen hatte. Eine dicke fette unglaublich große Kakerlake huschte davon. Ich auch und zwar ins Haus, das ich allerdings nicht ohne vorher mein T-Shirt auszuschütteln betrat.

Heute haben John und ich uns youtube Videos angesehen. Und zwar von Weird Al Yankovich. Seine Parodie auf Coolios Gansta Paradiese – Amish Paradiese. Den Film hatte ich schon 2x am Abend zuvor gesehen. Ich stand im Raum und bügelte, lachte herzhaft über den Film, den wir uns noch mehrere Male zusammen ansahen. Ich drehte ein T-Shirt auf links, um den Aufdruck nicht am Eisen kleben zu haben und zog es über das Bügelbrett. Ich nahm das Bügeleisen auf und wollte gerade loslegen, als ich es kreischend wieder fallen ließ und aus dem Zimmer rannte.
Ein Huntsman saß genau in der Mitte des Shirts. Stumm und bewegungslos. Sechzehn gefühlte und sechs wirkliche Beine sorgfältig nebeneinander, als hätte er sich extra für mich zurechtgelegt. Das Gemeine daran war, dass die Spinne die ganze Zeit im T-Shirt gehockt hatte und auf ihre Gelegenheit gewartet hatte. Die Vorstellung, dass ich meine Hand dort reingesteckt hatte, um den Stoff auf links zu drehen, lässt mich immer noch erschaudern.
John dachte erst, ich hätte mich am Bügeleisen verbrannt, aber wenn ich mir weh tue, kreische ich nicht. Dann stöhne ich nur mal kurz auf und leide ansonsten still. Ich saß auf dem Badewannenrand im angrenzenden Bad, mein Gesicht in beide Hände gestützt, Übelkeit, hervorgerufen durch Ekel heftig unterdrückend. Ich hatte mir nämlich vorgestellt, wie ich, statt aufs Shirt zu schauen, auf den Bildschirm schaue, das Bügeleisen nehme und ohne groß hinzugucken aufs Shirt presse. Dann hätte ich einen plattgebügelten Huntsman am Eisen kleben gehabt und wer hätte die Sauerei wieder sauber machen wollen? Abgesehen von dem grausamen Hitzetod, den die Spinne hätte erleiden müssen.

Einen Tag zuvor waren wir am Port Melbourne, also am Hafen. Knapp eine Stunde rumgelaufen, gesessen, aufs Meer gestarrt. Abends hatte ich einen leichten Sonnenbrand auf Stirn und Nase. Darüber habe ich mich wahnsinnig geärgert. Der Tag war eher bewölkt gewesen, als sonnig. Ich fand's sogar kühl. Zwei Tage lang konnte ich nicht unter Menschen gehen, weil der Sonnenbrand so beknackt aussah. Das sind die Momente, in denen es mir reicht. In denen ich mir denke, ich wander aus!

Wenn ich mir jedoch meine JJs anschaue, dann habe ich es gar nicht so schlecht an dem Tag getroffen. John hat den ultimativen T-Shirt-Tan – Unterarme knorke braun, Hals, Gesicht und Nacken knorkebraun. Jaimes Unterarme und Nacken- und Halspartie dito. Seine Unterschenkel sind inzwischen auch gebräunt und wenn er die Socken auszieht, könnte man meinen er würde noch welche tragen.
Johns Freund arbeitet seit Jahren als Dachdecker, der trägt im Sommer grundsätzlich weiße Bügel da, wo seine Sonnenbrille gesessen hat an der Seite seines Gesichts. Da kann ich mich ja mit meinem albernen Sonnenbrand nicht wirklich beklagen.

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Gestatten: Familie Norder/Cook, Berwick– 45 Kilometer südöstlich von Melbourne

Renate, 41 Jahre, vor neun Jahren der Liebe wegen von Deutschland nach Australien ausgewandert – noch ohne Midlife Crisis, aber manchmal mit Australien-Krise.

John, 41 Jahre, leidenschaftlicher Australier, zwangsläufig der deutschen Kultur ausgeliefert – weigert sich standhaft Rotkohl und Sauerkraut zu essen.

Marco, 19 Jahre, Student der Betriebswirtschaft & Kommunikation, Deutsch-Australier – neben Uni, Nebenjobs und Sport, findet er immer noch ausreichend Zeit im Kühlschrank nach Essbarem zu kramen, spart fleißig, um bald als Rucksacktourist durch Europa zu pilgern.

Jaime, 7 Jahre, Grade 2 der Primary School, war sechs Jahre lang überzeugter Aussie – ihm hat Deutschland im Urlaub so gut gefallen, dass er demnächst dorthin ziehen will.

Ellie, 10 Jahre, Red Heeler-Bullterrier Mischling – jagt gerne Magpies.

Renate Norder ist freiberufliche Schriftstellerin und begeisterte Bloggerin, wenn sie sich nicht gerade um ihre drei Männer und den Magpie jagenden Hund kümmert. Sie schreibt einmal die Woche auf der InfobahnAustralia, wie sich das Leben auf der Südhalbkugel so anfühlt. Wer ihr eine e-Mail schreiben möchte, kann dies tun unter nochnuser@hotmail.com

Foto Credit: Renate Norder