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Viva Austrälia
Zweimal "D": Dingos und Deutsche
Meine deutsche Freundin Rita habe ich 2003
in Australien kennen gelernt. Sie lebt aber nicht hier, sondern
in der Nähe von Hamburg. Sie war für drei Monate nach
Australien gekommen, um auf der Dingofarm von Bruce Jacobs in
Castlemaine/Victoria zu arbeiten.
John und ich sind früher hin und wieder alleine über
das Wochenende irgendwo hingefahren und haben uns ein schönes
Cottage bzw. Ferienhaus gemietet.
In unserem Cottage lagen jede Menge Broschüren über
die Umgebung herum, so fanden wir auch den Weg zur Dingofarm.
Am Eingang stand eine Frau mit blonden langen Haaren und sprach
mit einem Paar. Ich schaute John an und sagte: „Das ist
’ne Deutsche.“ Wir Deutschen erkennen uns überall
an unserem netten Akzent. Ich sprach sie auf Deutsch an und
freute mich ungemein. Ich freute mich so sehr, dass wir uns
später auf eine Bank setzten und uns bestimmt zwei Stunden
lang unterhielten. Und Adressen austauschten. Währenddessen
liefen die Dingos herum und Rita holte für uns einige Welpen
aus dem Gehege. Ich knuddelte und streichelte, zwischendurch
rief ich immer wieder entzückt aus, wie süß
sie doch waren. „Nicht wahr, John? Guck doch mal. Hier
nimm mal diesen,“ und griff mir einen anderen Welpen –
fummel, streichel, kraul. Baby-Tiere sind einfach entzückend.
Ich fand ja sogar im Werribee Open Range Zoo das Nashornbaby
niedlich, als es sich, zwar sicher auf seinen stämmigen
Beinen, aber dennoch verunsichert, dicht an Mama-Nashorn drängte,
als wir im Safaribus dran vorbei zuckelten. Oder war es ein
Nilpferd?
Hier ist die Geschichte der Dingofarm:
Bruce Jacobs hatte 1979 bereits 35 Dingos gezüchtet und
suchte ein Grundstück, das groß genug war für
die vorhandenen Dingos und für weitere Züchtungen.
In Castlemaine wurde er in einem Naturschutzgebiet fündig
und pachtete von der Regierung 40 Acres. Zunächst liefen
die Dingos in seiner Anwesenheit frei herum, nachts nahm er
sie mit in sein Haus oder sperrte sie in Käfige, die er
inzwischen gebaut hatte. Um den Anforderungen der Regierung
zu entsprechen, ließ er das Grundstück mit einem
hohen Elektrozaun umgeben.
Mitte der 80er Jahre gründete er einen Verein zum Schutz
der vom Aussterben bedrohten reinrassigen Dingos. Aus der Musik-
und Fernsehbranche kommend, kannte er jede Menge Prominente,
die dem Verein beitraten, unter ihnen der Rennfahrer Peter Janson.
Dieser ließ sich sogar mit seinem Dingo auf der Couch
einer Nobelsuite in Melbourne für die Presse ablichten.
In anderen Bundesstaaten wurden Dingo-Freunde aufmerksam und
folgten dem Beispiel von Bruce. In NSW und WA entstanden Schutzorganisationen,
die mit Bruce kooperierten und Tiere zu Zuchtzwecken untereinander
austauschten. Wegen der unterschiedlichen Auffassung der Beteiligten
ging dies nur wenige Jahre gut. Bruce wollte beweisen, dass
Dingos sich in erfahrenen Händen sehr gut als Haustiere
eigneten. Andere Organisationen hingegen wollten Dingos als
Wildtiere eingestuft wissen und nur in Zoos und Parks unterbringen.
In den verschiedenen Bundesländern gelten unterschiedliche
Bestimmungen. In Victoria darf man nur mit Genehmigung und unter
strengen Auflagen einen Dingo als Haustier halten.
Mitte der 90er Jahre gab es eine Razzia auf Bruces Gelände,
5 Dingos wurden erschossen, 36 konfisziert, Initiator der Razzia
war der oberste Boss des RSPCA. Angeblich wären die Tiere
in einem schlechten Zustand gewesen, was später eindeutig
durch eine Gerichtsverhandlung und einen bestellten Tierarzt
widerlegt wurde. Der damalige Minister für Conservation,
Land and Forrest entschuldigte sich für dieses Vorgehen
im Fernsehen. Anlass für den ganzen Trouble waren versicherungstechnische
Probleme gewesen.
Bruce bekam einen Teil seiner Dingos zurück, die Restlichen
kamen in Zoos unter. Die Probleme mit der Versicherung wurden
behoben, Fernsehen und Printmedien berichteten über die
Farm, Bruce und seine Tiere waren in aller Munde, der Tourismus
dorthin blühte.
Irgendwann ging die Nachfrage nach Dingowelpen zurück,
das Interesse der Medien und Besucher flaute merklich ab und
weil Bruce seine Farm gewerblich betrieb, gab es auch keine
Zuschüsse der Regierung. Bruce selbst lebte in äußerst
bescheidenen Verhältnissen, für seine Tiere tat er
alles. Er leitete nach wie vor mit einer handvoll Freiwilliger
die Farm.
Sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich, wegen starker
Arthrose im Hüftgelenk gelang es ihm nicht mehr, notwendige
Reparaturen auszuführen.
2003 bekam er ein künstliches Hüftgelenk, Rita managte
die Farm, aber Bruce erholte sich nie wieder so richtig.
Im November 2004 starb er und hinterließ eine hochverschuldete
Farm. Sein Sohn und eine alte Freundin schlugen das Erbe aus.
Die Farm wurde treuhänderisch verwaltet. Während dieser
Zeit wurde über viele Monate lang nur für vier Stunden
täglich Personal auf die Farm geschickt, neugeborene Welpen
wurden nicht mehr vom Rest des Packs getrennt, ranghöhere
Tiere zerfleischten sie. Ritas Dingo Sandy ertrank in einer
Regentonne, die vom Personal bis zum Rand mit Wasser gefüllt
vor das flache Dach der Hütten gestellt wurde. Wie man
sich denken kann, war irgendwann der Wasserstand zu niedrig
für die Tiere, um überhaupt noch aus den Tonnen trinken
zu können. So ist Sandy entweder durch das Gedrängel
auf dem Dach (dort lagen immer 5-6 Dingos) in die Tonne gestürzt
oder hatte versucht zu trinken, fiel in die Tonne und konnte
sich nicht mehr daraus befreien. Bruce hatte immer dafür
gesorgt, dass die Regentonnen zur Hälfte abgeschnitten
wurden, so konnte sich ein solch tragischer Unfall nicht ereignen
und die Tiere die halben Tonnen auch als „Badewanne“
benutzen. Ohne ständige Aufsicht und Bruce als von den
Dingos anerkanntes Leittier“ herrschte Chaos.
Nach vielen Monaten übernahm Tehree Gordon die Farm, brachte
alles wieder in Schuss, sperrte die verbliebenen 60 Dingos in
Gehege und vergaß darüber hinaus nicht, Bruce in
den Medien ein bisschen schlecht da stehen zu lassen.
Die Bendigo Zeitung „The Advertiser“ schreibt am
02.07.05, dass Tehree plant, die Farm in ein „Educational
Centre for Schools“ umzugestalten. Ob dies inzwischen
geschehen ist, ist mir leider nicht bekannt.
Die Farm ist für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich.
Gestatten: Familie
Norder/Cook, Berwick– 45 Kilometer südöstlich
von Melbourne
Renate,
40 Jahre, vor neun Jahren der Liebe wegen von Deutschland
nach Australien ausgewandert – noch ohne Midlife
Crisis, aber manchmal mit Australien-Krise.
John,
41 Jahre, leidenschaftlicher Australier, zwangsläufig
der deutschen Kultur ausgeliefert – weigert sich
standhaft Rotkohl und Sauerkraut zu essen.
Marco,
19 Jahre, Student der Betriebswirtschaft & Kommunikation,
Deutsch-Australier – neben Uni, Nebenjobs und Sport,
findet er immer noch ausreichend Zeit im Kühlschrank
nach Essbarem zu kramen, spart fleißig, um bald
als Rucksacktourist durch Europa zu pilgern.
Jaime,
7 Jahre, Grade 2 der Primary School, war sechs Jahre lang
überzeugter Aussie – ihm hat Deutschland im
Urlaub so gut gefallen, dass er demnächst dorthin
ziehen will.
Ellie,
10 Jahre, Red Heeler-Bullterrier Mischling – jagt
gerne Magpies. |
Renate Norder ist
freiberufliche Schriftstellerin und begeisterte Bloggerin, wenn
sie sich nicht gerade um ihre drei Männer und den Magpie
jagenden Hund kümmert. Sie schreibt einmal die Woche auf
der InfobahnAustralia, wie sich das Leben auf der Südhalbkugel
so anfühlt. Wer ihr eine e-Mail schreiben möchte,
kann dies tun unter nochnuser@hotmail.com
Foto Credit: Renate Norder |