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Theaterregisseurin Nadine Helmi:

“Auswanderin wider Willen”

Nadine Helmi lebt seit 1988 in Australien. Noch bis 95 pendelte die erfolgreiche Theaterregisseurin und Stückeschreiberin zwischen Deutschland und Australien, bis die Geburt ihres Sohnes sie die Zelte in Deutschland abbrechen ließ. Nadine Helmi hat sich auf Theater für Kinder spezialisiert. In Deutschland machte sich die Mainzerin vor allem durch ihr Stück „Frau Holle“ einen Namen und in Australien feierte sie mit „The Secret of the Seven Marbles“ Erfolge.

Wir treffen uns am Circular Quay in Sydney. Während hier die Fähren in Richtung Manly, Mosman und Taronga Zoo ablegen, schütteln wir uns die Hände. Die Frau mit ihrem frechen Kurzhaarschnitt und den sinnlichen dunkelblauen Augen hatte bereits am verabreteten Ort auf mich gewartet. Die Sonne strahlt und die Oper glitzert im Hintergrund. Es ist einer dieser Bilderbuchtage, der Sydney für viele zur Traumstadt schlechthin macht. Doch Nadine Helmi ist nicht deswegen nach Australien gekommen. Sie ist kein klassischer Auswanderer, eher eine „Auswanderin wider Willen“. Denn wie sie sagt: „Ich kam nicht wegen der Sonne und dem Surf, auch wenn meine Theater Company Surf 'n' Theatre heißt. Ich lebe eigentlich nur wegen meines Mannes hier.“

Ihr Mann, das ist David Patch, ein bekannter Rechtsanwalt und Labour Politiker in Sydney. David hatte sie im Urlaub in Frankreich kennengelernt. Sie war nach ihrem Studium in Heidelberg mit ihrem Studentenchor in Nizza gewesen. „Ich hatte gerade das Examen bestanden, war gut gelaunt. David reiste ebenfalls nach seinem Examen in Frankreich herum und arbeitete in dem Restaurant, in dem wir Abendessen gingen.“ David hatte eine Wette mit Kollegen abgeschlossen: sie musstem ihm immer dann ein Bier spendieren, wenn ihn – den Australier - jemand für einen echten Franzosen hielt. „Obwohl ich dachte, er sei Italiener und er seine Wette mit mir verlor, verliebten wir uns ineinander.“ Drei Jahre lebte David mit Nadine Helmi in Deutschland, doch dann wollte er seine Karriere als Rechtsanwalt ausbauen und zurück nach Australien. Nadine kam mit, obwohl es für die damals gerade am Anfang ihrer Karriere stehende Regisseurin „beinahe ein beruflicher Selbstmord war, von der Kulturhochburg Deutschland ins kulturell deutlich weniger engagierte Australien zu gehen.“

Warum gerade das Thema Theater in Australien eine soviel geringere Aufmerksamkeit erfährt, ist schwierig zu erklären. Nach Nadine Helmis Meinung sind historische Gründe dafür verantwortlich, denn Theater ist traditionell mehr eine Institution des Bürgertums und Australien ist aus einem eher ländlichen Background und einer relativ einfachen Arbeiterklasse entstanden. Im Vergleich scheint Deutschland – das stellt Nadine auch heute noch bei ihren Deutschlandbesuchen fest – geradezu besessen von Theater. “Für viele Deutsche ist ein regelmäßiger Theaterbesuch durchaus eine Art kulturelles Bedürfnis."

Dass der Stellenwert kultureller Themen in beiden Ländern überhaupt ein komplett anderer ist, wird auch deutlich, wenn man überlegt, dass es in Australien keinen klassischen Kultusminister gibt. Hier ist das Thema mit „eingeordnet“ – beim „Minister for Arts and Sport“ und beim „Minister for Communication, Information Technology and the Arts“. Zwei Kombinationen, die für deutsche Verhältnisse eher ungewöhnlich erscheinen.

Ein weiterer Unterschied ist der Grad der Professionalität. In Australien ist die Amateurszene im Theater groß. Nadine Helmi sagt: „Jede Schule hat eine Theatergruppe und 'Drama' ist beliebtes Lehrfach. Die Lehrer sind oft gelernte Schauspieler, die in ihrem Beruf keine Arbeit finden konnten. Und es ist sehr einfach, in diesem Beruf in Australien arbeitslos zu sein. Deshalb haben die meisten Schauspieler und andere Theaterschaffende einen sogenannten Day Job“. Eine Anekdote aus ihrer Anfangszeit verfolgt sie noch heute: „Als ich neu im Land war, hat mich ein Taxifahrer mal gefragt: Und was machen Sie beruflich hier in Australien? Als ich antwortete 'Ich bin Theaterregisseurin', fragte er unbeeindruckt weiter: und mit was verdienen Sie ihr Geld? Ich war damals baff, aber er hatte recht. Es ist wirklich schwer, in diesem Beruf in Australien Geld zu verdienen.“

Doch auch wenn sie es selbst runter spielt, so sind der sympathischen Mainzerin schon einige bemerkenswerte Erfolge Down Under gelungen. Im Sydney Opera House war ihr Stück “Wobble Wombat learns to dance” zu sehen und das Museum of Sydney zeigte “The Secret of the seven Marbles”, ebenfalls ein Kinderstück aus ihrer Feder. Hier geht es um die Geschichte einer irischen Auswandererfamilie im historischen Rocks-Viertel am Circular Quay, wo die Stadt Sydney gegründet wurde. Auf den Erfolg dieses Stückes hin sponsorte der Historic Houses Trust mehrere Theaterstücke für Kinder, die in historischen Gebäuden spielen und die Kolonialgeschichte von Sydney theatralisch umsetzen. Nadine sagt: „Diese Auftragswerke halten mich und die Theater Company seit drei Jahren am Leben.“ Im Moment schreibt sie bereits am dritten Stück für den Historic Houses Trust. Die Aufführung dieses neuen Werkes ist für die australischen Winterferien gedacht. Das Stückeschreiben, hatte die eigentliche Regisseurin schon in ihrer Zeit in Deutschland begonnen, doch in Australien öffnete diese Sparte ihr weitaus mehr Türen als die Regie.

Doch auch im Regiebereich kann Nadine Helmi auf einige Erfolge zurückblicken. Bereits in ihrem Anfangsjahr 1988 inszenierte sie fürs Womens’ Festival im Bondi Pavillion. In Bondi Beach rief sie 1997 auch mit Professor Gerhard Fischer von der Universität von New South Wales die Surf 'n' Theatre Company ins Leben. Das erste Stück „A Punch in the Face“ - eine Übersetzung des Gripsstückes "Eins in die Fresse" - war ein großer Erfolg beim jugendlichen Publikum und bei der Presse. Doch da es kritische Jugendthemen ansprach, unter anderem das Thema Selbstmord, gab das Department for Education keine Empfehlung heraus, sondern überließ Lehrern die Entscheidung selbst, ob sie das Stück für geeignet hielten. (Lehrer konsultieren in der Regel das Department of Education bevor sie ein Stück mit Schülern ansehen.)
„Ich musste hier ganz schön umdenken lernen. Was wir in Deutschland sehen und als wichtig empfinden, sieht man hier nicht unbedingt genauso,“ sagt Nadine Helmi nachdenklich.

Trotzdem gibt sie das Träumen nicht auf und auch nicht die Hoffnung, gutes Kindertheater in Australien zu etablieren. „Sydney hat als Viermillionensstadt und Weltstadt nicht mal ein eigenes Kindertheater. Das würde ich gerne gründen. Das wäre mein großer Traum!“

Barbara Barkhausen

Lernen Sie Nadine Helmi auch persönlich kennen:
In regelmäßigen Abständen liest die Regisseurin für Kinder von fünf bis zwölf Jahren Literarisches im Goethe Institut in Sydney. Im Anschluss daran gibt es - ebenfalls auf deutsch - ein bisschen "action", das heißt spielerische Aktivitäten für die Kinder unter der Leitung von Sabine Jasny und Andreas Jäger. Die Veranstaltung ist kostenlos. Ziel ist es, zweisprachigen Kindern ein bisschen deutsches Lese- und Sprechvergnügen zu bieten und das gegenseitige Kennenlernen zu ermöglichen.

Ort: Goethe-Institut Sydney, 90 Ocean Street, Woollahra, Sydney

Foto Credit: Barbara Barkhausen und Nadine Helmi privat